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New Old Luten Quintet:
Tumult!

(EUPH 045)

Ernst-Ludwig Petrowsky - as, cl
Elan Pauer - p, perc
John Edwards - b
Robert Landfermann - b
Christian Lillinger - dr, perc

01 Lutens letzter Tumult! (43’09)

Upheavel, ferment
and above all excitement.

Ken Waxman, Jazzword

Getöse und Feuer,
Aufruhr und Erleuchtung.

Bert Noglik

Petrowsky lässt die ganze Jazzwelt erblassen.
Reiner Kobe, Jazzpodium

Haltung, Attitüde und Sound sind der FMP-Ähstetik der 70er Jahre verpflichtet.
Dass Petrowsky die 80 bereits hinter sich gelassen hat, merkt man nicht im Geringsten.
Im Vergleich zu Wayne Shorter oder Charles Lloyd sprüht er nur so vor Vitalität

Wolf Kampmann, Jazzthetik

Pauer reveals more than a passing acquaintance with Cecil Taylor!
Martin Schray, The Free Jazz Collective

Die Musik ist echt super! Super Platte.
Robert Landfermann

Tumult I have listened through 3 times now, on different systems...
I think it is great. The music is blistering and the mix is excellent! I'm really happy!
John Edwards


Ja, da habt Ihr gut zugeschlagen. Das ist Free jazz! Bravo!
Besonders schön die Klarinette von Petrowsky in den späteren Teilen.

Alexander von Schlippenbach


Ein Meisterwerk des Freejazz! Ein Hochgenuss für mich, es zu hören.
Die Stärke ist Euer absolutes Powerspiel: da geht sowas von die Post ab! Die Durchführung ist Oberklasse! Wenn Ihr das vor 40 Jahren gemacht hätte, wäre das der Hammer gewesen!
Und Du spielst auch wie ein Deiwel. Den Luten habt Ihr nochmal ganz schön in die Eier gekniffen!
Günter Sommer

Tumult! ergötzt sich nicht ‒ Diskurs der Albumtitel ‒ in einer historizistischen Koketterie an dem legendären Alarm des 1981er Nonettes west-europäischer Gründungsheroen des Free Jazz (zusätzlich garniert mit einem Ausrufezeichen à la Ornette!). Und doch besticht das Quintett mit Ernst-Ludwig Petrowsky durch dieselbe Dringlichkeit der damaligen Gruppe um Peter Brötzmann. Eine Dringlichkeit, die das ost-deutsche Pendant heute mit Topmusikern der jüngeren Generation gleichermaßen souverän und risikofreudig zu einer aufregen-den Mitteilung formt. Dokumentiert ist das wohl atemberaubendste Konzert der Reihe musikalischer Feierlichkeiten, die Petrowsky anlässlich seines 80. Geburtstages auf die Bühne brachte. Nirgends war er in besserer Form als im Leipziger Kult-Club naTo. Ein ununterbrochenen Lauf an Konzentration und Intensität! Tumult! präsentiert ein hochmusikalisches Ensemblegeflechtes im Kraftzentrum zeitgenössischer Improvisationsmusik.

Format: CD
Price: 16,99 €
ISBN: 978-3-944301-33-4
Ordering: oliverschwerdt@euphorium.de

 

Reviews:

Fastening on an historical time frame in terms of age and influences when it comes to deeply felt free jazz is often a mistake. That’s because those committed to consistently inventive expression evidentially retain a perpetual youthfulness in their improvisations. Consider the slab of bellicose interaction captured here for instance. Although veteran alto saxophonist and clarinetist Ernst-Ludwig Petrowsky is about three to four decades older than his musical partners, the constantly challenging sounds they produce are so a part of his sonic consciousness, that he comfortably – and notably – slides his ideas into their midst.
In one fashion, the three other German and one British (John Edwards) players involved are the heirs of the musical freedom pioneered by Petrowsky and others in the 1960s and 1970s. Although this outstanding CD was recorded at naTo, a Leipzig music space, one week after the reedist’s 80th birthday, it’s he who often creates the most incendiary solos, which in turn must be matched by the playing of dual bassists Edwards and Robert Landfermann, drummer Christian Lillinger and Elan Pauer on piano and percussive “little” instruments. At the same time as fresh as the reedist’s approach to playing is, it isn’t youthful as in juvenile. His emphatic sweeps, nephritic growls and staccato bites are the result of the experience he gained as one of the standard beaters of free musical expression in the Deutsche Demokratische Republik, most notably as a member of Zentralquartett. Additionally, while the others may have negotiated the shoals and rough waters involved with playing so-called minority music, Petrowsky spent his time until German reunification constantly looking over his shoulder for the Stassi, whose musical opprobrium carried worse consequences than critics’ negative reviews.
Measuring the peaks and valleys of this single track’s evolution one should note how Edwards and Landfermann slyly split their roles, trading plucking and bowing outbursts often, so as to reach dynamic fissure. As they scrub sonorously or sound spiccato smacks, they also underline the saxophonist’s masticated and manipulated timbres. Meantime Lillinger positioned bumps and Pauer’s measured keyboard clips keep the powerful narrative from rushing off the proverbial rails. But also note that episodes of splintered glossolalia from Petrowsky’s saxophone coexist with his moderato clarinet sighs. Although the latter are equalled by melodic pacing from the pianist, they do more than display Petrowsky’s unexpected romantic side. Serving as intermezzos that approximate the calm before a storm, they allow the alto saxophone’s human-voice-like cries to intensify the undulating ferment and reach a climax where each player unites to play what could probably be defined as East German blues. The maelstrom finally expires with cascading piano chords backing Petrowsky’s descending trills, still defined with near locomotion power.
With the identical meaning in English, the German word tumult is defined in a variety of ways. While it’s surely alive with unbridled energy, definitions like pandemonium, quarrel, riot and strife can be ignored when characterizing the sound of this disc. Instead relate it to upheaval, ferment and above all excitement.
JAZZWORD, Ken Waxman (http://www.jazzword.com/one-review/?id=128902 [20151127]) (20141126)

In Leipzig war ich noch nie. Dabei gibt es da sehr wohl einen Anziehungspunkt, nämlich die Bühne des naTo und die jazzophonen Tumulte, die dort regelmäßig stattfinden. So etwa am 17./18. 12.2013 ein internationales Mini-Festival, bei dem zugleich das Andenken des Komposaunisten Friedrich Schenker (1942 - 2013) und der 80. Geburtstag von Ernst-Ludwig Petrowsky gefeiert wurden. Organisiert von Dr. Oliver Schwerdt und überschrieben mit ONDO.g r a m ö d l°. Diese synapsenbrecherische Buchstabenkombination darf man wohl ebenso als Indiz dafür nehmen, wie es in seinem Kopf aussieht, wie seine grünen Schuhe. Ein Kopf übrigens, der den von Schenker in die Kunst, von Wolfgang Thierse in die Politik getragenen Kraus- und Zausel-Look zu beerben sich anschickt. Aber halt, Die Schuhe trägt ja Elan Pauer, der Mann am Klavier im NEW OLD LUTEN QUINTET mit dem gefeierten ,Luten‘ Petrowsky am Altosax, Christian Lillinger an den Drums, Robert Landfermann am linken und dem aus London angereisten John Edwards am rechten Kontrabass, ein Quintet, das TUMULT! groß schrieb und dahinter ein Ausrufezeichen setzte. Während die Fetenbeiträge von u. a. Günter Sommer, Axel Dörner, Roger Turner, Friedrich Kettlitz, Dietmar Diesner, Günter Heinz (ein ebenfalls angeschenkerter wunderbarer Posaunenzausel) nur in den Erinnerungen und im sächsischen Luftraum rumschwirren, ist Lutens TUMULT! bestens phonographiert. Als freigeistig organisierter Krawall mit dem Vivacissimo con fuoco eines 80-jährigen, dessen zwischen Uschi Brüning und dem Zentralquartett, zwischen Manfred Krug und Alexander von Schlippenbach ausgekochte, souverän überpreußische Spielkunst und forellenfrische Spiellust einmal mehr nicht nur sein engstes Umfeld hier inspiriert. Tempo und Feuer sind zwar nicht die einzige Agenda der fünf, aber die begeisterte Furiosität trägt sie weit und immer weiter. Selbst wenn Petrowsky die Töne sich etwas setzen lässt, stürmen die Finger ringsum weiter über die Tasten und die Saiten, Pauer trempoliert... fehltippen meine Finger, weil sie sagen wollen, dass er da temporeiche Splitter und Triller bockspringen lässt wie auf nem Trampolin. Lillinger dauerfeuert perkussives Geflicker und Geflocker, lässt seine Stöcke die Bleche gerben und die Felle pferdeküssen, wenn er da kameradschaftlich mit den zu kuriosen Streichen aufgelegten Bassisten queruliert. Auf hlaber Strecke der 43 Minuten mundmalt Petrowsky lyrisch zart ein träumerisches Fluidum, das sein Umfeld dazu nutzt, im Zwielicht umeinander zu geistern. Pauer fingert einen gradualen Lauf, Edwards extraordinärer Spielwitz öffnet eine Kammertür. Dahinter ‒ Wunderland. In dem es prickelnd auf Tassen und Teekanne hagelt, in dem eine unsichtbare Hand im Innenklavier unkt und zwei, drei andere Pfoten was weiß ich wie rumoren. Petrowsky spitfirert jetzt wieder derart spitze und spitz ausgezogene Töne, dass der kollektive Tumlt kaum nachkommt, die !!! zu setzen. Kniebrecherisch wird ein nächste Haltepunkt erreicht. Aber was heißt Haltepunkt ‒ Lillinger randaliert grobmotorisch, die Bassisten sägen am Ast, auf dem wir sitzen, gebannt wie Dreijährige vor der Glötze. Denn Petrowsky, der lutscht nun ein bluesiges Bonbon und steckt einen mit süßem Fernweh nach Zuhause an. Den Weg dorhin gibt es ber nicht. Nur ein Feld von perkussiven Flocken, knurpsigen Bassstrichen, fiebrigem Gefinger, fingrigem Gefieber. Das sich jedoch sammelt für ein finales Presto, ja Prestissimo, bei dem Lillinger rattert wie aufgedreht. Um da Uff! zu rufen, muss man kein sächsischer Winnetou sein.
BAD ALCHEMY, Rigobert Dittmann (Bad Alchemy Nr. 88, Januar 2016) (201601), S. 26.

Schon vor Jahren hat sich Oliver Schwerdt mit Elan Pauer das ,semantisch dynamischste und vitalistischste Pseudonym‘, wie er sagt, zugelegt. Der Leipziger Produzent ist ein begnadeter Pianist, der nichts mehr hasst als den Mainstream. Davon legen seinen CDs Zeugnis ab wie auch jüngst die mit dem New Old Luten Quintet. Vor Jahren als Trio gestartet hat man sich nun die beiden Bassisten Robert Landfermann und John Edwards dazugeholt. Wohlweislich sind die beiden auf der CD zunächst nicht zu vernehmen, weil sie sich gegen die Urkraft des Free Jazz, wie sie Ernst-Ludwig Petrowsky und Elan Pauer produzieren, unterstützt von omnipräsenten Schlägen des qurligen Schlagzeugers Chrisitan Lillinger, schwer stemmen können. Überhaupt Petrowsky: der Altmeister, zum Zeitpunkt der Aufnahmen mehr als 80 Jahre alt, lässt mit quengelndem Altsaxton voller Dynamik die ganze Jazzwelt erblassen. Unglaublich, wie der alte Herr ‒ vergessen scheinen sämtliche gesundheitlichen Beschwerden ‒ durch die Skalen rast, mit lang angehaltenen, überblasenen Tönen seine jungen Kollegen, die seine Enkel sein könnten, zittern lässt. ,Perkussiv-Pianist und Anarcho-Klangregisseur‘ (liner notes) Elan Pauer behilft sich mit überbordenden Klangkaskaden, die er zusätzlich mit ,little instruments‘, perkussiv unterfüttert. Wenn Petrowsky innehält, sich das Quintett zum instrumentalen Austausch findet, ohne sich in Frickeleien zu verlieren, tauchen auch die Bassisten auf. Insgesamgt ,glückt der Bogen über ein langes Set und über die Generationen hinweg‘, wie die liner notes treffend bemerken. Möge dies nicht des großen Petrowsky ,Letzter Tumult!‘ gewesen sein.
JAZZPODIUM, Reiner Kobe (Jazzpodium 12/2015 - 1/2016, Dezember 2015/Januar 2016, 65. Jahrgang) (201512), S. 60.

Das einzige Stück, das Ernst-Ludwig Petrowsky auf Tumult! vorstellt, heißt ,Letzter Tumult!‘. Da liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es sich um ein Abschiedsalbum handelt. Er gibt noch einmal alles, was ihn immer ausgemacht hat. Luten ist sperrig, stur und spröde. Er lässt sein Leben in 43 Minuten vorbeiziehen. Würde man ihn während dieses Sets fragen, wie geht’s, wäre die Antwort wohl nicht: ,Ach, ganz gut.‘ Da kommt viel Wut rüber. Es gibt offenbar immer noch viele Leerstellen, die zu besetzen sind. Petrowsky, kongenial eingerahmt von Pianist Elan Pauer, den Bassisten John Edwards und Robert Landfermann sowie der Schlagzeug-Wunderwaffe Christian Lillinger, powert das Stück in einem Ritt durch. Es gibt auch balladeske Momente, doch diese triggern immer wieder unterschwellig das kollektive Powerplay. Haltung, Attitüde und Sound sind der FMP-Ähstetik der 70er Jahre verpflichtet. Dass Petrowsky die 80 bereits hinter sich gelassen hat, merkt man nicht im Geringsten. Im Vergleich zu Wayne Shorter oder Charles Lloyd sprüht er nur so vor Vitalität und weiß auch diesen Bogen über eine Dreiviertelstunde mit innerer Logik zu spannen. Es wird nicht langweilig und macht Spaß, ihm auf seinen verschlugenen Pfaden zu folgen. Was ein wenig zu kurz kommt, und das ist bei diesem ,letzten Tumult‘ schade, ist Lutens sprichtwörtlicher Humor, denn auch der ist sperrig und schoss in manchen Momenten seiner langen Laufbahn ein gehöriges Stück übers Ziel hinaus. Aber vielleicht ist es ja auch eine Stärke dieser CD, dass der alte Haudegen auf Wiederholungen verzichtet.
JAZZTHETIK, Wolf Kampmann (Jazzthetik 01/02 16, Januar/Februar 2016, 30. Jahrgang) (201601), S. 79f..

Eighty-two year old saxophonist/clarinetist Ernst Ludwig (“Luten“) Petrowsky is one of the founding fathers of free jazz in the former German Democratic Republic, the one with the longest history. Since 1957 he‘s worked as a musician in different formations although - in contrast to most of the GDR musicians - Petrowsky is self-taught. He made his first excursions into free jazz in the Sixties with his band Studio IV, and in the Seventies founded Synopsis (with Ulrich Gumpert, Günter “Baby“ Sommer and Conny Bauer) and recorded Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil (FMP), one of the standout East-German free jazz albums. He also worked with bassist Klaus Koch and trumpeter Heinz Becker, with whom he recorded the seminal albums Selbdritt and Selbviert (the latter with Günter Sommer on drums). In addition, he‘s been a long-standing member of Alexander von Schlippenbach’s Globe Unity Orchestra. After the fall of the wall, Petrowsky worked in various formations, with his wife Uschi Brüning, drummer Michael Griener, as part of the group Ruf Der Heimat and many others. In 2006 pianist Elan Pauer (a.k.a. Oliver Schwerdt) encouraged him to found the New Old Luten Trio with drummer Christian Lillinger. The band expanded to a quintet in 2013 by adding the bassists John Edwards and Robert Landfermann.
The quintet’s music has many characteristics typical of all Petrowsky formations: collective improvisations, rhythmic and harmonic variety, the assimilation of traditional elements, and Petrowsky’s unique style. Ornette Coleman and Charlie Parker are obvious influences, as well as German folk songs: he considers himself a traditionalist. The German musician and author Ekkehard Jost describes his playing as “unique, although his sound cannot be categorized easily, his flexibility being his most important parameter“. He can scream energetically like Brötzmann but he can also “sing“ and swing, with phrasing and timbre that can change radically, as circumstances require.
Tumult! contains a single improvisation, divided into five parts: in terms of structure and energy, it’s a constant up-and-down. Petrowsky starts on alto in the first part, the classic iconoclast, driven on by his generation-spanning band (Lillinger, Landfermann and Pauer are in their early 30s, John Edwards is 52). Lillinger, often described as the hyperactive kid of the new German drummers, and Pauer, who reveals more than a passing acquaintance with Cecil Taylor, keep the fire burning. At around 24 minutes Petrowsky’s solo gradually fades (another feature of his style), the others calm down and Petrowsky returns on clarinet for a hectic, but quieter, passage. Just a breather, as shortly thereafter the performace accelerates with the two basses providing the propulsion. All change again, shortly after the half-hour mark – Petrowsky plays beautiful melodic phrases on his clarinet, while the rest of the band delves into textures. Pauer concentrates on little instruments and short piano splints.
Eventually, in the last two minutes the band pulls itself together for a short finale furioso. The improvisation’s named “Lutens Letzter Tumult!“ (Lutens Last Tumult!) which suggests we might not hear Petrowsky in such energetic surroundings again. Hopefully, we will - as the power and imagination of his playing are those of a young man.
THE FREE JAZZ COLLECTIVE, Martin Schray (http://www.freejazzblog.org/2016/01/new-old-luten-quintet-tumult-euphorium.html [20160129])

Tumult! ist der bislang uneditierte Mitschnitt eines im Dezember 2013 aufgezeichneten Jubiläumskonzerts anlässlich des 80. Geburtstags des deutschen Saxofonisten und Klarinettisten Ernst-Ludwig “Luten” Petrowsky, seines zeichens prägende Figur in der Entwicklung des DDR-(Free-)Jazzgeschehens. Das mit Elan Pauer, John Edwards und Robert Landfermann sowie Christan Lillinger hochkarätig besetzte New Old Luten Quintet gibt sich an besagtem Abend als nicht minder ein- wie freigespieltes Ensemble with attitude. Der Albumtitel ist nämlich Programm: „This music is against the status quo“ heißt es da in den liner notes. Keine Querköpfigkeit allerdings, die sich als Pose selbst genügt, sondern Haltung, die, von musikalischer Schönheit gespeist, als wütende Fetzen in die Restwelt katapultiert wird und dabei selbstbewusst wie selbstvergessen und gleichermaßen souverän wie risikofreudig daran erinnert, dass, was ist, auch ganz einfach ganz anders sein könnte. Getöse und Feuer, Aufruhr und Erleuchtung!
FREISTIL, Gregor Mahnert (Freistil Nr. 65, März/April 2016) (201603), S. 18.

Vor Jahren als Trio gestartet, hat man sich nun Ro-bert Landfermann und John Edwards hinzugeholt, um die eh schon breite Ausdrucksskala nochmals zu erweitern. Dies gelingt nur in Massen, da die beiden Bassisten auf dieser CD kaum zu Wort kommen. Schade eigentlich, denn es sind Klassemusiker. Was sollten die beiden Tieftöner auch machen gegen die hohe Gewalt des archaischen Free Jazz, wie ihn Saxophonist Ernst-Ludwig Petrowsky (von Kollegen ”Luten” genannt) und Pianist Elan Pauer produzieren? Hinzu kommt Youngster Christian Lillinger am Schlagzeug, der mit omnipräsenten Schlägen das Ganze anheizt. Und dann ist da der Altmeister, zum Zeitpunkt der Aufnahmen mehr als 80 Jahre alt. Mit quengelndem Altsaxton voller Dynamik bläst Petrowsky zum letzten Gefecht, das hier Tumult genannt wird. Unglaublich, wie der alte Herr – vergessen scheinen sämtliche gesundheitliche Beschwerden – durch die Skalen rast, mit lang angehaltenen, überblasenen Tönen seine jungen Kollegen, die seine Enkel sein könnten, zittern lässt. Wenn er innehält und sich das Quintett zum instrumentalen Austausch findet, tauchen auch die Bassisten auf.
JAZZ'N'MORE, Reiner Kobe (Jazz'n'More 2/2016, März/April 2016) (201603), S. 60.

Es beginnt mit einem kleinen Salut an Thelonious Monk. Um alsbald zum vierfachen Tempo überzugehen. In wilden Kaskaden stürzen Klavierklänge, ein bissig fauchendes Altsaxofon, perkussive Explosionen und die doppelten Dauerläufe von zwei Kontrabassisten durcheinander, bis sich Ernst-Ludwig Petrowsky nach anderthalb Minuten gut zwanzig Sekunden lang an einem hohen Ton festbeißt. Nach ihm, Luten, ist das Quintett benannt, das zwei Wochen nach Petrowskys 80. Geburtstag die Bühne des Leipziger Clubs naTo betrat.
Ins Leben gerufen hat das Quintett der Pianist Oliver Schwerdt auf der Basis des bereits erprobten New Old Luten Trios. Sein Künstlername Elan Pauer ist so sehr Programm wie der Titel, der in dicken Großbuchstaben das von Schwerdt entworfene Cover ziert, das die Ästhetik älterer Tonträgerhüllen von Monk bis Brötzmann anklingen lässt: Mit Elan und Power spielen sich Petrowsky und Schwerdt, die Bassisten John Edwards und Robert Landfermann sowie Christian Lillinger am Schlagzeug an einem Stück durch den 43-minütigen Set.
Nach fünf Minuten ein erstes Innehalten. Tippelnde Kontrabass-Aufwärtsläufe, lyrischere Saxofontöne. Die «Misterioso»-Anklänge bleiben unterschwellig erhalten, breiten sich mit Pedal flächig aus, bis sich erneut alle ins Getümmel stürzen. Pauer scheint es darum zu gehen, so viele Töne wie möglich auf einmal zu erzeugen. Petrowsky antwortet mit splitternden Fetzen. 15 Minuten sind gezählt, da öffnet sich ein Raum, in den sich das Schlagzeug ausbreiten kann. Nochmal drei Minuten weiter ein furioses gestrichenes Bass-Solo, das sich zum gezupften Duo auswächst. Das Schlagzeug mischt mit. Pauer wirft abseitige Klänge dazwischen. Luten quengelt herum. Ab der Mitte wird es ruhiger. Klavier-Kaskaden mit Unterbrechungen, fast Stille, Platz für leise Geräusche. Und für die Klarinette: Ihr zuliebe halten sich die anderen auffällig zurück – die zwei Bässe in den höchsten Lagen, der eine gestrichen, der andere gezupft; Geklimper im Innenklavier; der Schlagzeuger werkelt auf den Trommelrändern herum. Als es anfängt zu grummeln, geht Luten zu schimpfendem Gefeixe über. Powerspiel bis zu einem weiteren hohen Ton. Dann bröselt alles auseinander. Der Schlagzeuger ist an der Reihe, die anderen werfen Brocken dazwischen.
Petrowsky hat den Blues. Die Kontrabässe nehmen auf, was er ihnen anbietet. Pauer reiht sich ein, will sich aber nicht bremsen lassen. Er wirbelt dazwischen, versucht anzustacheln. Das Tempo nimmt zu, die Dynamik bleibt verhalten. Dann wird überraschend auch das Klavier ganz ruhig. Zeit zuzuhören. Geräusche. Luten bleibt ein Weilchen draußen. Dann schaltet er sich auf dem Saxofon wieder ein und die fünf Musiker biegen mit hohem Druck in ein furioses Finale ein: wenig gebremst, aber aufmerksam. Keine essenzielle, aber in der Intensität des Zusammenspiels gelungene Aufnahme.
NEUE ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK, Dietrich Heißenbüttel (Neue Zeitschrift für Musik 2/2016, März 2016) (201603), S. 74.

New Old Luten Quintet has veteran Petrowsky amidst its members. He is in his 80s on this recording.
Just imagine! He was one of the leading forces from the DDR free jazz scene. It is here that he started playing jazz in the 50s. He is documented on dozens of records. One can write a book on him I guess. All these years he stuck to playing free jazz, without ending up in a dead end street.
Far from it, if you listen to this new recording ‘Tumult’. Petrowsky, playing alto sax and clarinet, is in the company of Elan Pauer (piano, percussion), John Edwards (bass) , Robert Landfermann (bass) and Christian Lillinger (drums, percussion). The cd counts one extended improvisation, titled ‘Lutens Letzter Tumult!’. By the way, Elan Pauer is one of the aliases of Oliver Schwerdt, a young improviser, author and journalist, who also happen to run Leipzig-based Euphorium Records. Also Christian Lillinger and Robert Landfermann are of a younger generation of German improvisers, all in their 30s. John Edwards toured with B-Shops For The Poor and GOD in his early days, and became part of the London improve scene. In 2013 the Quintet released its first statement for Euphorium, ‘Big Pauer’, a live recording from December 2012. Their new release is recorded exactly one year later on the same spot.
As said it is one continuous improvisation of about 45 minutes. The improvisation starts like a whirlwind. From this anarchic explosion they start to develop and work out their ideas. As things go in improvisations of this length, high energy passages are followed by more quiet and introvert moments.
Time to take a breath, before another battle is started. Often I think why have improvisations to take so long? Is there any necessity? Sometimes I feel the game is over, but musicians continue. Luckily no dull moment in this trip here. Constantly new patterns and interactions are tried. Without hesitation they are seeking and finding their way through. Petrowsky is in a prominent role, but all others are also fully engaged in this group improvisation. They are some beautiful moments between the bass and drums. Halfway they come near to silence, and a dialogue starts between impressive drummer Lillinger and Petrowsky, turning into another dynamic episode. All in all a furious and spirited improvisation. Excellent work!
VITAL WEEKLY, Don Mulder (http://www.vitalweekly.net/1025.html [20160129])

Ce quintet est un bel exemple de la survivance du free jazz européen apparu à la fin des années '60: aspiration à une totale liberté d'improvisation mais aussi, en Allemagne de l'Est comme en URSS, aspiration à la liberté tout court.
Au saxophone alto et à la clarinette, Ernst-Ludwig Petrowsky qui, à 80 ans, garde toute la pétulance de ses débuts. Avec Konrad Bauer (tb), Ulrich Gumpert (p) et Günter Baby Sommer (dm), il est un des fondateurs du Zentral Quartett, formation légendaire du free jazz d'Allemagne de l'Est que l'on a pu voir lors d'un Jazz au Château d'Oupeye, dans les années '90, et au Jazz Brugge de 2004. Mais il a aussi fait partie du Globe Unity Orchestra d'Alexander von Schlippenbach, d'un Clarinet Summit avec Gianluigi Trovesi et Theo Jörgensmann, du Concert Jazz Band de Georges Gruntz, de l'European Jazz Ensemble, en compagnie de Manfred Schoof, Enrico Rava et... Philippe Catherine. Avec la vocaliste de cet European Jazz Ensemble, Uschi Brüning, il a enregistré, vraie déclaration de filiation, Ornette Et Cetera avec... Jean-François Prins. Et ce Letzter Tumult n'est pas le seul album du New Old Luten Quintet, en 2013 également, la formation a enregistré Big Pauer.
Outre avec ce quintet, Elan Pauer joue en trio avec Petrowsky et Christian Lillinger (White Power Blues) et, en quartet, avec le trompettiste Axel Dörner. Le contrebassiste John Edwards a enregistré, en quintet, avec Evan Parker et accompagné les saxophonistes Charles Gayle et John Butcher. Deuxième contrebassiste de la formation, Robert Landfermann apparaît, pour sa part, sur plusieurs albums Pirouet: en quartet avec le saxophoniste Sebastian Gille (Anthem) et, en sextet, avec le pianiste Pablo Held (Elders). Il a aussi joué, en quartet, avec Axel Dörner et le saxophoniste suisse Urs Leimgruber et, en trio, avec notre compatriote Frederik Leroux (g). Quant à Christian Lillinger, il a joué avec Axel Dörner, Rolf Kühn (cl), Rudy Mahall (bcl) et Simon Nabatov (album Nicht ohne Robert), avec le guitariste Ronny Graupe (Spoon chez Pirouet) et a enregistré, à son nom, Grund, en septet, avec Tobias Delius (ts) pour Pirouet.
Pour ce Letzter Tumult, une seule plage, longue improvisation de 43 minutes. Propulsé par les deux contrebasses, la batterie et percussions de Lillinger, comme le déluge de notes d'Elan Pauer (piano et piano préparé avec différents objets), Petrowsky fait preuve de toute sa vélocité de jeu, de son phrasé incisif et de sa sonorité déchirée à l'alto. Après 5 minutes 30, le déferlement s'apaise, Petrowsky s'efface pour laisser exulter le piano puis reprend le "tumulte" aux alentours de la 8e minute. A la 13e, la musique se calme à nouveau puis s'emballe avec un dialogue effréné entre les deux contrebasses. La musique s'apaise de nouveau à la 25e minute, Petrowsky passe alors à la clarinette. Cette alternance entre fureur et accalmie se prolonge jusqu'au bout, avec un retour au saxophone alto, aux environs de la 40e minutes. Un bel exemple de ce que Gérard Rouy, collaborateur de JazzMag, appelle l'hyperfree.
JAZZ'HALO, Claude Loxhay (http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/n/new-old-luten-quintet-letzter-tumult/ [20160402])