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New Old Luten Quintet:
Rabatz!

(EUPH 057)

Ernst-Ludwig Petrowsky - as, cl, r-fl
Elan Pauer - p, perc
John Edwards - b
Robert Landfermann - b
Christian Lillinger - dr, perc

01 Lutens letzter Rabatz! (46’46)

 

Es ist ein wirklich großes Finale. Was für ein Spätwerk! Petrowsky in EUPHORIUM. 2013-15: drei Jahre in Folge das Quintett am selben Ort. Lutens 80., 81. und 82. Geburtstag. Die selben Musiker, die selben Instrumente, der selbe Aufnahmeingenieur, der selbe Mischer. Das selbe Design. Herzlichen Glückwunsch! Und nun toppt die Musik des Rabatz! die vorangegangenen Teile! Luten ist in Bestform. Die Gruppe sowas von eingespielt! Ein abenteuerlicher Ritt mit diesem grandiosen Musiker, der trotz unverblümtem Bekenntnis zum harten Kern des Free Jazz diesen doch so sensibel und vielgestaltig prozessieren lässt, dass man nur glücklich lächeln und ungläubig staunen kann. Nach dem Letzten Tumult! und dem Letzten Krawall! ist Lutens letzter Rabatz! tatsächlich des Alten letztes Quintett. Wir hören Lutens letzten Ton. Wobei: an jenem Abend spielten wir uns ohne Kontrabässe warm ‒ das Trio: Lutens letzter Radau!; zum Schluss: hören Sie, wie Luten von weiteren Bläsern flankiert zum letzten Remmidemmi bläst! Quer zum Schlussstein des Tryptichons hat sich ein zweites hinzugesellt!

Format: CD
Price: 17,99 €
ISBN: 978-3-944301-41-9
Ordering: oliverschwerdt@euphorium.de

 

Begleittexte:

 

Reviews:

Der Abend im Leipziger Kult-Club nato gehörte am 13. Dezember 2015 ganz Ernst Ludwig Petrowsky. Der Saxophonist präsentierte wenige Tage nach seinem 82. Geburtstag drei Besetzungen und machte, selbst in Bestform, deutlich, wie tiefgründig die „flüchtige“ Kunst des Improvisierens sein kann. Petrowsky pur, das bedeutet: Unberechenbarkeit, Hingabe, Intellekt, musikalische Kompetenz auf höchstem Energielevel umgesetzt. Urs Leimgruber, der Schweizer Holzbläser, urteilte über den Abend, dass die Musik ihn an die Strahlkraft des legendären John Coltrane Quintets mit Pharoah Sanders erinnerte.
Petrowsky hat mit diesen Einspielungen seine ohnehin schon legendäre Lebensleistung zusätzlich gekrönt - im Trio (mit Elan Pauer und Christian Lillinger), im Quintett (Trio plus John Edwards und Robert Landfermann am Bass!), im Septett (Quintett plus Urs Leimgruber und Axel Dörner). Es ist ungezähmte Musik, die er mit seinen Mannen bändigt, ständig sich verändernde Musik, mal klar strukturiert, mal frei von allen Konventionen. Aber immer spannend, risikoreich und radikal. In allem, was Petrowsky spielt, ist eine immense Dynamik spürbar, ist ein stetiger musikalischer Veränderungsprozess akustisch nachvollziehbar. Hier gehen Sozialisation und Weltsicht, Konzentration und kreative Unruhe Hand in Hand. In seinen Formationen ist, wie im vorliegenden Fall, stets ein konsequent umgesetztes Gruppengeflecht von Einzelstimmen zu erleben. Ebenso spontan wie kompositorisch durchdacht.
Zu allen Besetzungen in Leipzig gehörten Pianist Elan Pauer alias Oliver Schwerdt und Schlagzeuger Christian Lillinger, der erst im letzten Jahr den SWR-Jazzpreis erhielt. Allein dieses eineinhalb Generationen jüngere Duo strotzt nur so vor Ideenreichtum und rhythmischer Finesse. Beide geben der Musik ständige Impulse, nehmen die Motive Petrowskys auf, entwickeln sie weiter, lenken sie in andere Richtungen – bis Neues entsteht. Sie sind ebenso hervorragende Solisten, wie empathische Sideman. Und sie tragen Petrowskys Gedanken auch in die Quintett- und Septett-Besetzungen, halten die Musik zusammen, oder lassen einfach los und schaffen so Raum für beispielhafte Improvisationen. Ganz dem Ausspruch des britischen Gitarristen Derek Bailey verpflichtend: „Wenn eine Spezies nicht improvisieren kann, stirbt sie aus.“
Der aus Güstrow in Mecklenburg Vorpommern stammende Saxophonist ist einer der Stimmführer im Reigen der europäischen Avantgarde. Ein Berserker am Instrument. Vital und unermüdlich hat er jede Form von Musik spielerisch hinterfragt, ist oft zu neuen, individuellen Ergebnissen gekommen, die er ebenfalls weiterentwickelte. Es gibt wohl keine Musik, die Ernst Ludwig Petrowsky in seinem Leben nicht gespielt hat. Seine ersten musikalischen Gehversuche unternahm er 12jährig noch schüchtern an der Geige. Mit 16 wurde er Mitglied des Domchores seiner Heimatstadt Güstrow. Er spielte Tanzmusik im Orchester Max Reichelt, war Mitglied des legendären Manfred-Ludwig-Sextetts und der Grenzen sprengenden Klaus Lenz Big Band. Dabei hat er alle Höhen und Tiefen eines Jazzmusiker durchlebt. Als Star einer kleinen, überschaubaren Szene in der DDR wurde er staatlich geehrt und spielte für Honorare, die nicht einmal fürs Essen reichten. Doch kreativ und besessen ist Luten, wie man ihn seit Kindheit nennt, trotzdem geblieben. Sein Spiel wurde immer druckvoller, ironisch überspitzt, frei. Ob im Free-Jazz-Quartett Synopsis, das später in Zentralquartett umgetauft wurde, im international besetzten All-Star-Ensemble des stilistischen Tausendsassas George Gruntz und selsbt im Duo mit seiner Partnerin, der Sängerin Uschi Brüning.
Der Jazz-Publizist Bert Noglik sagte einmal über ihn: „Petrowskys Stärke besteht auch darin, Risiken zu suchen und zu bewältigen“. Er selbst drückte dies einmal so aus: „Ich bin ein Feind jeder musikalischen Schmalspurphilosophie und ich möchte dies auch bewusst hören lassen.“ Dies kann man auch als Haltung bezeichnen. Eine Haltung die, wie Noglik weiter ausführt, sich und die eigenen Fähigkeiten immer wieder in Frage zu stellt und jede Möglichkeit ausschließt, sich in einem stilistischen Bereich „einzurichten“.
KULTKOMPLOTT, Jörg Konrad (http://www.kultkomplott.de/Artikel/Musik/ [20180112])

2013 zum 80.: TUMULT! Zum 81.: KRAWALL! Zum 82.: RADAU! (EUPH 056, 3"), RABATZ! (EUPH 057) und REMMIDEMMI! (EUPH 058). Das Euphorium-Triptychon (Triptaifun?) zeigt Petrowsky & Friends, wie sie es am 13.12.2015 in der naTo in Leipzig nochmal, ein letztes Mal, haben krachen lassen. Zu Ehren und als Selbst-vergewisserung des Jubilars, dem guten Luten, Herz-bube des Jazz von 'Drüben' mit seinem Vollblutfächer aus dem Jazzrock mit Ulrich Gumpert in SOK (1971), den Freiheiten, die man sich nahm mit Synopsis (1973...) und dem Zentralquartett (1984...), der Ulrich Gumpert Workshop Band, dem Globe Unity Orchestra, als Leader auf FMP und mit Ruf der Heimat, davor und danach populär mit Manfred Krug und Uschi Brüning. Noch 2016 konnte man ihn mit Brüning & Engerling maikäfern und mit Wolf & Pamela Biermann im Zentralquartett 'n "...paar eckige Runden drehn" hören. Titel wie "Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil", "Markowitz' Blues" oder "Aus Teutschen Landen" sind auch in meinen Wessi-Ohren Musik. Alte Freunde traten ab: Friedrich Schenker 2013, Manfred Krug 2016. Statt mit Biermann dessen 'Preis für die Einheit Europas' zu feiern, kam Petrowsky im Juni 2017 selber ins Krankenhaus und muß nun leiser treten. Nicht mehr und nicht weniger meint 'letzter Radau!'... 'letzter Rabatz!'. Ersteres 23:23 mit dem NEW OLD LUTEN TRIO. Mit Elan Pauer & Christian Lillinger an Konzertflügel, Schlagzeug und Perkussion für wuselfingrig kapriolendes Rasselbanden-Klimbim, schädelspaltend zugespitzt mit Petrowskys schrill kirrendem, rau spotzendem und pressendem Altosax, das, fiebrig geschürt und rumorig unterwandert, flatterzüngelnd zündelt, aber auch lyrische Fäden spinnt zu einem langen Halteton, gefolgt von angeschrägtem Klarinettenklang. Bis die drei erneut heiß laufen und übersprudeln, um zuletzt abzureißen für muschelberascheltes, eisern und fedrig flankiertes Hirtenflöten-tirili. Die Fortsetzung folgt sogleich als NEW OLD LUTEN QUINTET, 46:46 mit den beiden Kontrabassisten John Edwards & Robert Landfermann. Bald auch BA-ZART, doch zuerst donnergrollig und rabatzig. Lillinger als Riot-Boy, den wie Pig Pen von den Peanuts ständig eine Klangwolke umgibt, und Luten als noch einmal hyperaktiver Jüngling von 82 Jahren. Ein euphorisierter Oliver Schwerdt beschreibt das derart wortgewaltig, dass ich mich eigentlich sprachlos zurücklehnen kann, um Edwards' Rumoren als "schnarchartige Delikatessware" zu genießen und mit landrattigem Behagen Zwieback zu knabbern in zwanglosen Rossbreiten, be-Pauer-t mit Pfiff und Kikeriki, mit Whistles, Mini-Zugflöte, betopfdeckelten Saiten, pullovergedämpftem Gefinger, Flötenfiep, einem Clarina/Melodi-ca-Akkord oder mit knarzendem Karton. Mit ostinatem Bass-Twang an ein Wasserloch (die Theke) geführt, laben sich kleine und große Schnauzen friedlich nebeneinander. Bis, geschoben von den 9 Basssaiten (Landfermann spielt einen historischen Fünfsaiter) und umarmt und gekitzelt von der clusternden und tremolierenden Krake, der trappelnden Tausendfüßerarmada am Piano, die Wogen wieder hoch jagen hin zum finalen gis'''. Damit nicht genug, steigern Axel Dörner und Urs Leimgruber mit Trompete und Saxophon die NEW OLD LUTEN-Quintessenzen im SEPTET noch einmal derart, dass sich sogar 'Out of this World'-Spirit einstellt (wie Coltrane & Sanders ihn aus dem Kosmos gesaugt hatten). SelbSiebt und hot, mit aufschießenden Protuberanzen. Aber, schon die Introduktion auf Taubenfüßen deutet es an, wieder auch sublim genug für gezügelten Aufschub durch Bie-nengesumm, seufzende Türen, Trompetenschmauch, Glasbläserei, Rohrblattgemurmel, klimprige Zahnrädchen, klickende Essstäbchen, feinste Glöckchen. Dörner kirrt und faucht den Mond an, Bassfinger zupfen Trübsal an einem Gummi, Leimgruber quäkt, Lillinger pol-tert, so geht's durch dick und dünn, durch enge Blasrohre, über halsbrecherische Stufen, vorbei an Metallzüngelchen. Zum tirilierend delirierten Ausgang, auf! auf!! und davon!!!
BAD ALCHEMY, Rigobert Dittmann (Bad Alchemy Nr. 97) (2018), S. 25.