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EUPHORIUM_freakestra feat. Baby Sommer & Barry Guy:
Grande Casino (Paris Zürich Dresden, Hamburg Leipzig Berlin)

(EUPH 064)

Pierre-Antoine Badaroux - as
Bertrand Denzler - ts
Patrick Schanze - tp
Oliver Schwerdt - gp, perc, little instruments
Daniel Beilschmidt - e-org
Friedrich Kettlitz - eg, perc
John Eckhardt- db
Barry Guy- db
Burkhard Beins - perc
Baby Sommer - dr, perc

I Grande Casino I (52’37)
Phore I
01 The Cream Of The Heaviest Invite (4'53)
02 Maik Muezzin & Euklid im Westparka (Was sind das für Geschöpfe, die da beten?) (6'52)
03 Interflug/Intershop (3'54)
04 Zwei von dort (Telegraphenamt II) 2g (8'02)
05 Das Gruselschloß II: Geh da nicht lang!, ich hab’s Dir doch gesagt... ‒ Disembowelment III           (Flesh Aksch) (4'04)
06 - (3'00)
Phore II
07 Sieben: Schieben oder Ziehen (Fanfare Werogilongur) (4'32)
08 Syrdillischer Octus (5'13)
09 Elion am lidurnesischen Schrein (8'01)
10 Epilog: Daniel, Bertrand, Burkhard und die anderen, Pt. 1 (3'57)

II Grande Casino II (46’37)
01 Serielle Schwanenattacke (5'49)
02 Fraktale Tracht (6'57)
03 Oma Eierschecke (Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt) (7'35)
04 Geschäfte in Übersee (Das vergessene Scheckheft für Gulde-B‘fur) (7'11)
05 Fabel über Sechseck (8'13)
06 Wandertag in Leipzig (Die Flugschanze) (4'21)
07 Epilog: Daniel, Bertrand, Burkhard und die anderen, Pt. 2 & 3 (6'17)

III Grande Casino III (33’30)

01 soujhmar #5 (4'28)
02 Beinwell-Krk (3'25)
03 Anlauf auf’s Holz, Abstieg mit Salz (5'23)
04 Ein kleines Marsmännchen macht Sauerkraut nach Rezept, dann Jazz für einen Kalender (3'52)
05 Return Of The Sun Of Sharif Scheckheft ‒ Hallo, wer ist da gerade? (Telegraphenamt IV) (4'00)
06 End Of Gannomiloctu Bleed, Bed & Shower (Naked In The Tower Rain) (7'50)
07 Marc Rothko Goes To Bath (Remembering Das Schild) (4'36)

Eine große Freude!
Burkhard Beins

Was für ein Feuerwerk!
Maya Homburger

In einer anderen musikalischen Welt
wäre das ein Hit-Album!

Friedrich Kettlitz

Orchestra, minimal, farbenprächtig, sublim,
‒ alle Nuancen zwischen Space und Wucht.

Pirmin Bossart, Jazz'n'More

Bemerkenswerter als dass sie zusammenspielen: dass sie bisher noch nicht zusammenspielten. Oliver Schwerdt hat ein delikates Ensemble zusammengestellt. Musikhistorisch frappant wirkt eine grandiose Premiere: nach jahrzehntelangen Passagen auf den Bühnen im Kern der Internationalen ereignet sich die Begegnung Barry Guy & Baby Sommer. Sie bilden eine Art Dream Team des Drum’n’Bass im Free Jazz Europas. Auf der legendären Bühne der Leipziger naTo konfiguriert sich, zehnköpfig, das E U P H O R I U M _ f r e a k e s t r a des Jahres 2016: den beiden Alten eignet dasselbe Temperament; sie bilden doppelfigürig eine Bewegung! Als Beisitzer fungiert Universitätsorganist Daniel Beilschmidt und gibt den Messiaen für eine KORG CX-3! Das doppelte Gebläse ist aus Paris herbeigeflogen: Pierre-Antoine Badaroux und Bertrand Denzler verbandeln die Alt- und Tenorstimmen von Adolphe Sax einmal mehr mit den Windhosen von Anthony Braxton und Urs Leimgruber. Diese Zeitgenössisch Improvisierte Musik erklingt brillant. Von Stück zu Stück fährt je ein weiteres Abenteuer unerhörter Konstellationen ein. Mit Grande Casino liegt eines dieser ,operium grandium‘ vor, von deren offenbarer Unermesslichkeit man immer wieder kosten kann.

Format: 3-CD
Price: 29,99 €
ISBN: 978-3-944301-45-7
Ordering: oliverschwerdt@euphorium.de

 

Reviews:

Günter Baby Sommer wurde letztes Jahr 75, und quasi zur Nachfeier erschien mit Grande Casino (EUPH 064, 3 x CD), den Machenschaften des EUPHORIUM_freakestra am 16.12.2016 in der Leipziger naTo, die Dokumentation von etwas, das sich unwahrscheinlich anhört. Klar, das gilt gewissermaßen schon für die Musik, die Sommer, Pierre-Antoine Badaroux (as), Bertrand Denzler (ts), Patrick Schanze (tp), Oliver Schwerdt (gp, perc), Daniel Beilschmidt (e-org), Friedrich Kettlitz (e-git, perc), John Eckhardt (b) und Burkhard Beins (perc) fabrizierten, deren Enormität euphuistische Titulierungen andeuten. Aber dass Sommer dabei das allererste Mal mit Barry Guy gemeinsam musizierte, ist das zu fassen? Um dem historischen Moment allerlei Grandezza zu verleihen, gab die in der Spielvereinigung Sued & den Cakewalkin' Babies (Schanze), der Umlaut Big Band, ONCEIM, dem Trio Sowari, Perlonex, als Forresta & Basswald (Eckhardt) oder als Orgler der Neuen Universitätskirche vorgeglühte Mannschaft dem freakischen Spieltrieb Carte blanche, und Beilschmidt vergriff sich dafür sogar an einer Korg CX-3. Allerdings muss man dabei die durch das Grande noch verstärkte Erwartung einer Big Band umwandeln in ein perec'-sches Puzzle in der Rue Simon-Crubellier 11, in sublime Freispiele jeweils nur weniger EUPHorbien, teils unverkennbar, teils anonym. Bei 'Sieben' vermute ich glorreiche Sieben, als 'Syrdillischer Oct(op)us' tentakelt aber Guy allein und bei 'Elion am lidurnesischen Schrein' tändelt und wummert Beilschmidt allein mit dem 'Hammond-Klon'. Gefolgt von postkoital geschwächt orgelnder Echtzeit-Sowaristik mit Denzler und Beins. Einsilbig quäkt ein hässliches Entchen aus Paris, ein Kontrabass wird fraktal verprügelt, Schwerdt schwalbt mit dem Flügel und Baby radebeult die Felle, dass es nur so sommert. Er pfeift sich/uns eins, gefolgt von sechsfältigem Wellenwurf und von Guy beplonktem Trompetengeschmetter, das Sommer euphorisiert, woraufhin auch Orgel und Tröte sowarieske Bedenken zerstreuen. Dennoch scheint eine innere Stimme anzumahnen, den Ball flach zu halten, auf Bim mit Bom, Fft oder Brr zu reagieren und feine Fäden zu spinnen. Ein Groove mag als unverhofftes Geschenk die Suppe salzen, aber Jazz ist eher was für Marsmännchen. Oder doch die unvermeidliche Wiederkehr von Verdrängtem, das sich krawallig Bahn bricht? Mon Dieu, zwei Gelbjacken! Doch Maultrommelgezirpe, Streicheleinheiten und beruhigende Tropfen lassen die Trillerpfeifen sich anders besinnen. Und zuletzt taucht man kollektiv ein in ein Klangfarbfeld wie von Mark Rothko.
BAD ALCHEMY, Rigobert Dittmann (Bad Alchemy Nr. 101, März 2019) (201903), S. 25.

Willkommen zu einer nahrhaften Dosis an freier Musik. Orchestra, minimal, farbenprächtig, sublim. Alle Nuancen zwischen Space und Wucht bekommen hier ihre Spielwiesen. Die Musik erstreckt sich über drei CDs, die zum Glück nicht in ihrer vollen Spiellänge ausgereizt werden. Irgendwer muss das Ganze ja auch noch hören wollen. Die einzelnen Stücke tragen skurrilste Namen, was vermuten lässt, dass die Inspiration wallte und der Spassfaktor gross war. Über die Umstände und Hintergründe dieses Treffens ist nichts bekannt, Informationen gibt es keine, das beigelegte Booklet ist ein Büchlein mit lauter Schwarz-Weiss-Fotos im Kleinstformat, was natürlich auch ein Statement ist. Im Tentett spielen einige bekannte Musiker, allen voran Barry Guy und Günter Baby Sommer, die sich hier, wie alle anderen, mit Inspiration und Akribie ins Zeug legen und für eindringliche Momente sorgen. Es ist wohltuend zu hören, dass dieser ,bunte Haufen‘ weder stromlinienförmig auf das Chaospedal drückt, noch im Klamauk strandet, sondern mit gespitzten Ohren entstehen lässt, was Moment und Musikerpersönlichkeit gerade bereithalten. Oft wähn man sich in einem intimen Setting und lauscht einer Musik, deren Ereignisse aus kleinsten Einheiten zusammenwachsen. Stärker als die Abarbeitung an Jazztraditionen steht in diesem zeitgenössischen Kleinorchester die Auseinandersetzung mit Klang und Noise im Zentrum.
JAZZ'N'MORE, Pirmin Bossart (Jazz'n'More 2/2019, März/April 2019) (201903), S. 66.

Oliver Schwerdt, Musikwissenschaftler, Pianist und Produzent von Euphorium Records, hat eine fulminante CD veröffentlicht. Der Kontrabassist Barry Guy zählt zu den Pionieren des Free Jazz in Großbritannien. Günter Baby Sommer war einer der ganz frühen Free Jazzer der einstigen DDR. Beide zählen bis heute zu den zentralen Figuren der älteren Generation freien Spiels. Und beide haben noch nie miteinander improvisiert. Das wollte Oliver Schwedt ändern und hat die beiden Granden zusammengespannt. Nicht nur zu einem Duo, sondern gleich in ein hochkarätig besetztes Ensemble. In voller Besetzung spielt ein Tentett. Doch alle zehn Musiker – Frau ist in der Tat keine darunter – spielen längst nicht immer zusammen. Es sind v.a. wechselnde Besetzungen ganz unterschiedlicher Art, die ebenso different und oft kontrastreich improvisieren. Ein Wechsel zwischen höchster Dichte und subtiler Reduktion, von dichtem Powerplay zu abstrakten ausgedünnten Passagen, von Flow bis Klarheit, von Punktuellem bis Flächigem. Soli bzw. kammermusikalischer Besetzung und Tutti. Drei CDs, Aufnahmen, die an zwei Konzertabenden im Jahr 2016 im Leipziger Club naTo entstanden sind.
FREISTIL, Nina Polaschegg (Freistil Nr. 83, November/Dezember 2017) (201711), S. 20-21
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