RECORDS | HOME

 

New Old Luten Quintet:
Big Pauer

(EUPH 041b)

Ernst-Ludwig Petrowsky - fl, cl
Elan Pauer - p, perc
John Edwards - b
Robert Landfermann - b
Christian Lillinger - dr, perc

01 Dry Swing (18’36)
02 Small Luten at Five (12’38)
03 Smooth Dritt (7’29)
04 Big Luten at Midnight (11’00)

Deadly serious and a whole lot of fun.
If Cecil Taylor played nursery rhymes the result would be similar.
Ken Waxman

Rabatz und Alarm.
Die Vielsprachigkeit der Fauna des Regenwalds
.
Ferdinand Dupuis-Panther

Das White Power Blues-Trio um Ernst-Ludwig Petrowsky, Elan Pauer und Christian Lillinger arbeitet seit 2011 mit John Edwards und Robert Landfermann, den zwei kreativen Kontrabassisten der Londoner und Kölner Szene. Big Pauer zeigt Petrowsky zu Beginn seines 80. Lebensjahres als lyrischen Flötenspieler und scharfen Klarinettisten.

Format: CD
Price: 16,99 €
ISBN: 978-3-944301-30-3
Ordering: oliverschwerdt@euphorium.de

 

Reviews:

Am 17./18.Dez. 2013 zelebrierte ein international hochkarätig bemanntes Mini-Festival in der Leipziger naTo unter der künstlerischen Leitung von Oliver Schwerdt zugleich den 80. Geburtstag von Ernst-Ludwig Petrowsky und, mit der vielversprechenden Überschrift ONDO.g r a m ö d l°, die Erinnerung an den am 8.2.2013 verstorbenen Komponisten & Po¬saunisten Friedrich Schenker. Ich war nicht dabei, ich konstatiere das nur aus der Ferne.
Exakt ein Jahr zuvor entstand an gleicher Stelle, der Karl-Liebknecht-Str. 46, Musik, die nun Petrowsky als Geburtstagsgeschenk präsentiert werden konnte: Ein Big Pauer getaufter Mitschnitt (EUPH041b) des NEW OLD LUTEN QUINTETs, das dabei neben dem Jubilar selbst mit Elan Pauer an Piano & Krimskrams, Christian Lillinger an den Drums und mit gleich zwei Kontrabassisten angetreten war, nämlich Robert Landfermann und John Edwards (wie kommt der denn hierher?). Diese volle Power entfaltete sich jedoch erst gegen Mitternacht. Den Auftakt machte Pauer (sotto voce: O. Schwerdt himself) mit 'Dry Swing', einem wieder denkwürdig kapriziösen Solo, das ihn als einen der eigenwilligsten Pianisten hierzulande ausweist (neben Hubert Bergmann und einigen Zugereisten). Schillernd, kantig, eher nietzsche- als wagnerianisch, mit Trillern von Heisenberg unscharf oder à la Horch motorisch gewürzt. Um Fünf wurde statt Tee 'Small Luten' serviert, ein Schäferspiel aus Petrowskys Hirtengeflöte und perkussivem Gestöber, mit dem Innenklavier teils als Dulcimer, während der Bass geheimnisvoll umeinander streicht und flirrt, mit wachsender Erregung, als würden die Schäfchen und ihre Hüter etwas Wölfisches spüren. Das zuletzt tatsächlich, rotkäppchenanimiert, einbricht. 'Smooth Dritt' besänftigt dann die Gemüter, nein, eigentlich schärft es sogar noch die Aufmerksamkeit für die unkalkulierbaren, quicken Interaktionen von Piano, Bass und Lillingers zieselig verhuschtem Drumming. Das Finale in BIG umschleift zuerst Petrowskys Klarinettenreverie, bevor zwanzig Finger über die Basssaiten krabbeln, die zusammen mit perkussivem Klingklang und pianistischem Gefinger dieser dunklen Träumerei einen ribbeligen, dabei immer eifriger verdichteten Fond bereiten. Der Druck animiert Petrowsky zu exaltiertem Gezüngel, bevor sich alle erstmal wieder fangen. Aber das Fieberhafte setzt gleich wieder ein, nun von spitzem Pianoping bepingt. Erst Bassstriche dämpfen allmählich die Unruhe bis unter die Hörschwelle.
BAD ALCHEMY, Rigobert Dittmann (Bad Alchemy Nr. 80, Februar 2014) (201402), S.27.

Ganz anders gestrickt ist eine weitere CD, die im Untertitel ,Lutens 80th annual date of birth‘ verspricht, dann aber den Protagonisten nur beiläufig erscheinen lässt. Auf den insgesamt vier längeren Tracks macht sich vorwiegend Elan Pauer (i.e. Oliver Schwerdt) am Klavier zu schaffen. ,Big Pauer‘ heißt dann auch das Album des Label-Chefs. Petrowsky selbst verliert sich einmal auf seiner Hirtenflöte, die Klarinette lässt er auf ,Big Luten at Midnight‘ düster dräuen, ehe sie in expressive Höhen steigt. Das Altsax wird erst gar nicht ausgepackt, was schade ist. Dafür kreuzen die beiden Bassisten John Edwards und Robert Landfermann die Saiten, während sich Schlagzeuger Christian Lillinger erstaunlich zurückhält. Das New Old Luten Quintet begibt sich auf eine flaue Geburtstags-Party.
JAZZPODIUM, Reiner Kobe (Jazzpodium 2/2014, Februar 2014, 63. Jahrgang) (201402), S. 82.

Gently acerbic Free Jazz which flourished intermittently alongside vital improvisation in the former East Germany appears to have a post DDR-champion in Leipzig pianist/bandleader Oliver Schwerdt. Schwerdt, whose PhD thesis was on drummer Gunter Baby Sommer, creates sounds which like the drummer’s oeuvre are both deadly serious and a whole lot of fun. These discs show how he continues to tread the fine line between comedy and profundity in his work. Case in point: Big Pauer, a CD and Small Pauer, a three-track CD-EP. For a start, Schwerdt, who is present on both sessions, hides under the name “Elan Pauer” on Big Pauer. Another of his pseudonyms is Edithrakneff Weinermond – go figure. But he gives the game away with a short variant of “Dry Swing”, a solo piano showcase recorded at the same concert. There are points in either run-through as well, that Schwerdt’s Meade Lux Lewis-via-Cecil Taylor keyboard and beyond exposition may be purposely exaggerated for effect. Adding to his mixture of pre-and-post-Berlin-Wall-falling sonic elements is Schwerdt’s choice of sidemen. The EP is a trio session, where his piano and percussion forays are expanded on by an equally young, Berlin-based rhythm section of bassist Robert Landfermann and percussionist Christian Lillinger. Meanwhile on the CD this trio is expanded with the addition of second bassist John Edwards, a Londoner who has played with nearly everyone in Free Jazz; plus Ernst-Ludwig Petrowsky playing Romanian shepherd’s flute and clarinet. About twice the age of the other participants, Petrowsky was one of the first major Jazzers to come from the DDR. At present he’s best-known as one-quarter of the Zentralquartett that also includes Sommer. Under his own name, and with Landfermann and Lillinger, Schwerdt has come up with a little gem of a piano trio record. Once his truncated version of “Dry Swing” is out of the way, the three kick into perfectly compatible high gear. For every string scrub and spank there’s a drum clatter and pop – and both depend on the keyboardist’s even-handed voicing. Most representative is the short “Fresh Dritt”. So well is the balance maintained between power and prettiness that at one moment pastel note blending could come from a Bill Evans session, and the next second the kinetic key-stopping suggests Oscar Peterson’s classic trio. Adding two players expectedly produces a completely different result, but only after the pianist has explored “Dry Swing” for more-than-18½ minutes. Forthright and flowing, the fervid boogie-woogie flashes are broken up with sequences of delicate, harpsichord-like études plus a section near the end where the melody turns almost overtly nose-thumbing. If Cecil Taylor played nursery rhymes the result would be similar. Abrasive dual string scrubbing coupled with clattering percussion and wide keyboard ringing initially puts Petrowsky at a disadvantage as he tries to negotiate a theme from his thin-sounding flute. He fares better on clarinet, and by the concluding “Big Luten at Midnight” torques his reed enough so that it locks in with the swinging piano vamp and quivers from percussive little instruments. As the staccato interaction reaches a crescendo, reed spetrofluctuation plus bowed and scrapped string timbres from the basses and piano widen into a satisfactory, potentially sardonic climax. Politics has change the situation for Free Jazz in the eastern part of Germany and made it more centralized. But outstanding discs like these prove that not all notable musical improvisation takes place in Berlin.
JAZZWORD, Ken Waxman (http://www.jazzword.com/one-review/?id=128539 [20140809]) (20140806)

Zum 80. Geburtstag des Urgesteins des Free Jazz zu DDR-Zeiten entstanden die vorliegenden Aufnahmen. Darauf verweist auch das Cover: Der Pianist schreit die Geburtstagswünsche geradewegs heraus. Um wem geht es denn eigentlich? Um den Klarinettisten und Flötisten Ernst-Ludwig Petrowsky. Ihm zur Seite standen beim musikalischen Geburtstagsfest der Pianist Elan Pauer – ein Fingerzeig auf die Musik? -, die Bassisten John Edwards und Robert Landfermann sowie der Berliner Schlagzeuger Christian Lillinger. Vier Titel wurden für die aktuelle CD aufgenommen: „Dry Swing“ (18’36), „Small Luten at Five“ (12’38), "Smooth Dritt“ (7’29) und „Big Luten at Midnight“ (11’00).
In einer abgespeckten Form gab es „Dry Swing“ und „Fresh Dritt“ bereits auf dem Album „Small Pauer“ zu hören. Doch diesmal geht es um "volle Pulle", um volle Energie, um volle Power, eben um „Big Pauer“! Na dann schauen wir doch mal nach dem tonalen Energiepaket, das unsPetrowsky und Co. geschnürt haben.
Mit dem „trockenen Schwung“ beginnt die Geburtstagsveranstaltung: So als würden Holzpantinen auf einen gefliesten Boden gesetzt werden, klingen die anfänglichen Klaviersequenzen. Allerdings sind die gesetzten Schritte irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten. Sprunghaft mutet an, was Elan Pauer auf den weißen und schwarzen Tasten als akustischen Zauber präsentiert. Trillern ist nachfolgend zu vernehmen und ein beinahe ostinater Tastenbass. Die Energie und das Tempo verstärken sich, so als würde man nach und nach einem Höhepunkt zusteuern, obgleich wir noch am Beginn des „Trockenschwungs“ sind. Die akustischen Entäußerungen nehmen zu und auch wieder ab. Es ist ein gelungenes Wechselspiel, dem wir uns hingeben können.  Welche Differenzen zu der Version auf der Einspielung „Small Pauer“ existieren, könnten wir nur durch simultanes Hören herausfinden. Doch dem sind physische Grenzen gesetzt, schlicht und einfach. So verfolgen wir einfach die weiteren Vorwärtssprünge und kurzen Pausen. Dabei warten wir vergeblich auf Verstetigungen. Eher klingt es nach Aufgeregtheit, Erregtheit, Entäußerungen und Zorn, was Elan Pauer da zum Besten gibt. Andere Stichworte, die sich beim Zuhören aufdrängen, lauten Zaudern und Unsicherheit. Zwischendrin gibt es ein wenig Rabatz und Alarm obendrein. Pausen scheinen deshalb im Verlauf des Vortrags vorhanden, um einen neuen Spielansatz nach einer Phase des Einhaltens und des Konzentrierens zu finden und zu beginnen. Moderner Ausdruckstanz wäre gut zu „Dry Swing“ denkbar. Gebrochene Bewegungen sähe man dann vor sich, ein Anrennen und plötzlicher Stillstand. 
„Small Luten at Five“ beginnt beinahe lautlos. Geraschel und eine Art Gezwitscher im Hintergrund. Dann bringt uns Petrowsky seine sehr verhaltenen Flötentöne näher. Auch diese klingen ein wenig wie ein Vogelkonzert. Schnarren gesellt sich im Hintergrund dazu. Eine Prise Andenklang wird hinzugefügt, ehe die Hirtenflöte ihre Aufregung signalisiert. Marktschreierisch ist der Vortrag überhaupt nicht, sondern eher sensibel. Oh, irgendein asiatisches Musikinstrument ist wohl dann auch noch mit im Boot, oder? Mit viel Fantasie kann man sich die Vielsprachigkeit der Fauna des Regenwalds vorstellen, wenn man verfolgt, was Petrowsky und Co. uns zu sagen haben. Und zieht da nicht auch noch ein Unwetter auf, akustisch durch Bass und Klavier für uns eingefangen?
Nach „Smooth Dritt“ kommen wir dann zum Schluss: „Big Luten at Midnight“. Hat da die Geburtstagsfeier zum 80. Geburtstag den Höhepunkt erreicht? Am Beginn breiten sich Tinnitusklänge gemischt mit einer samtenen Klarinette aus. Die gedämpften Saiten des Basses schwingen für einen Moment solo. Eine meditative Stimmung ist im Fortgang des Stücks auszumachen. Wenn Petrowsky seine schläferisch gestimmte Klarinette spielt, scheint es schon nach Mitternacht zu sein. Müdigkeit macht sich breit. Der Energiefluss des Alltags ist nur noch ein Rinnsal, auch bei den Musikern, so gewinnt man den Eindruck. Doch urplötzlich ändert sich die Stimmung. Unbändigkeit steht im Raum. Die Klarinette echauffiert sich und klingt dabei beinahe wie ein Altsaxofon. Von Samtheit ist keine Spur mehr vorhanden. Doch nach dem Ausbruch geht das Stück wieder in ein gewisses Gleichmaß über. Nur noch untergründig ist Unruhe wahrnehmbar.

JAZZ'HALO, Ferdinand Dupuis-Panther (http://www.jazzhalo.be/reviews/cd-reviews/n/new-old-luten-quintet-big-pauer/ [20160406])