| |
HOME | MAGAZINE
EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Total – Zentral – Global.
Leipzig gratuliert dem Saxofonisten „Luten“ Petrowsky
zum 75. Geburtstag
Ernst-Ludwig
Petrowsky, genannt „Luten“, galt lange
Zeit als „dienstältester Jazzer der DDR“. Dabei
gehört er seit den 70er Jahren zum Kern jener Generation,
welche nach der Revolution des Free Jazz in einer paneuropäischen
Bewegung dem instrumentalen Musizieren unerhörte Dimensionen
erschloss. Mitte
der 80er Jahre hat Petrowsky sich mit dem Altsaxofon eine so
zentrale wie globale Position
erspielt.
Das ist Fakt, trifft
er sich doch mit den kongenialen Spielern im kammermusikalischen „Zentralquartett“ und
im großorchestralen „Globe Unity Orchestra“. Am
10. Dezember 1933 geboren, könnte man das schöne
Hölderlin-Wort bemühen: „Wo aber Gefahr ist, wächst
das Rettende auch!“. Tatsächlich scheint die totalitäre
Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Biografie Petrowskys einen
ebenso glücklichen Ausgang gefunden zu haben, wie es auf breiter
Front wenig später mit dem friedlichen Fall der Mauer geschah.
Der unangepasste Held bekam auf Grund seiner freien Höhenflüge
den „Kunstpreis der DDR“. Kurioserweise heißt
das wichtigste internationale Festival der zeitgenössisch
improvisierten Musik „Total Music Meeting“. Es feierte
soeben seinen 40. Jahrestag. Dabei meint die Rede von der „totalen
Musik“ weniger die totale Kontrolle, wie es in der Praxis
einschlägiger Jazzakademien vorkommen soll, sondern vielmehr
totale Hingabe an den Spielprozess. Mit
Leipzig ist Petrowsky aufs Engste verbunden. Nicht nur weil er
hier einst in Bert Noglik
einen der beiden
führenden deutschen
Jazzkritiker als intellektuellen Begleiter fand, sondern vor allem
weil seine Frau - niemand Geringeres als die unnachahmliche Sängerin
Uschi Brüning - durch ihre Geburt mit dieser Stadt verwurzelt
ist. Nun hat frei improvisierte Musik in der Leipziger "naTo" eine
beachtliche Tradition. Mit der durch Bert Noglik kuratierten Reihe „Musik-Zeit“ und
den musikalisch-theatralischen Installationen des „EUPHORIUM_freakestra“ ist
die Szenekneipe in der Karl-Liebknecht-Straße, Spielort einer
aufregenden Musiklandschaft. Einleuchtend, gerade dort das nominell
größte Jubiläum des Jazzjahres 2008 zu feiern.
Denn Günter „Baby“ Sommer und Alexander von Schlippenbach,
die Leiter der zentralen und globalen Gruppen, feierten in diesem
Jahr gerade erst ihren 65. bzw. 70. Geburtstag. Petrowsky bleibt
voraussichtlich immer der „dienstälteste Jazzer“.
(Erschienen
in: Neue Musikzeitung Online, ab 8. Dez
2008)
[TOP] [HOME]
|