| |
HOME | MAGAZINE
EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Total
Music Meeting 2005
Das
Total Music Meeting als traditionsreichstes Festival zeitgenössisch
improvisierter Musik zeigte vom 3. bis 6. November ein großartiges
und faszinierendes Programm. Auch wenn es zunächst mit der
Klimperei von Markus Lüpertz eröffnet. Der Maler fühlt
sich mitten in den Bildern der Berlinischen Galerie wohl, aber
seine Formation, der auch Manfred Schoof, Gerd Dudek und Wolgang
Lackerschmid angehören, klingt im Gesamten nur dilettantisch.
Kein Musiker ist von dem überzeugt, was sie da spielen. Es
ist daher Wurst. Nur ein Jesus Canneloni gibt ein paar ordentliche
Bissen ab.
Hans-Joachim Hespos und Ulrik Spies machen ihren Kladderradatsch
am Rande wirklich
schön, bevor auf der richtigen Bühne das richtige Trio spielt. Es ist
das schlagzeuglose Wing Vane. Punktuell, abgedämpft, verfremdet. Eine der
Juwelen der Szene. Urs Leimgruber spielt weltweit wirklich das beeindruckendste
zeitgenössische Saxophon. Dazu ein feinfühliger Jacques Demierre. Und
ein Barre Phillips, der frei richtig gut spielt.
Dann sitzt Wadada Leo Smith auf einem Stuhl. Lange hat es gedauert. Jetzt ist
er da und wir können ihm Solo zuhören. Er hat alle Zeit und eine ganz
wunderbare Ausstrahlung. Leider ist der Sound seiner Trompete heute durch die
vor ihm herumstehenden elektronischen Effektgeräte und einem ekligen Hall
aus der Monitorbox nicht genießbar. Auch ein anderer alter Hase ist mit
Elektronik konfrontiert. Nur sind es bei Evan Parker statt ein paar kümmerliche
Spielzeuge zwei ausgewachsene Spezialisten: Richard Barrett und Paul Obermayer.
Das Konzept ist überzeugend, da Parkers Spiel längst in diesen Abstraktionsradien
heimisch ist. Aber die Vorstellung läuft nicht optimal.
Am nächsten Konzertabend arbeitet ein sehr sensibles Duo ernsthaft: Tenor.
Stäbchen auf Toms. John Butcher und Gino Robair sind klanglich immer ganz
dicht neben- oder gar ineinander. Keine Kontrapunkte, sondern gemeinsam reduzierte
Soundflächen. Robair präpariert auch das Klavier, während Butcher
aufregende Rückkopplungen erzeugt. Kleinstmotoren, sehr konzentriert und
formbewusst. Es ist ein Produzieren ohne Abfall. Letztlich ist es humoristisch:
Ein Vibrator auf’m Trommelfell. Anständig unter einem Geschirrtuch
verpackt.
Dagegen geht es primitiv, gleichwohl virtuos nur mit Händen auf einem Fell,
welches am Holzrahmen gespannt ist und an dem ein paar Rasselbändchen befestigt
sind, weiter. Es ist Mohammad Reza Mortazavi, Chef aller Bongos. Die Wüste
liegt auf halb Acht, die Sterne spritzen Bass. Kleine Kamele huschen durch den
Mund, Uhren zerstäuben ziemlich staubig. Randgruppen völkern. Gruppensex
für eine Trommel. Da staunt auch Baby Sommer. Schaben stampfen, stumpfe
Lieder, Zikaden voller Dellen. Ein sehr junger Meister, voller Klarheit, Präzision
und orchestralem Denken. Was auf politischem Gebiet gerade oft in Vergessenheit
gerät, lassen diese drei Stücke Musik aufscheinen: Das Persische, eine
alte Hochkultur. So eine Trommel hat ebenso viele Register wie eine mitteleuropäische
Kirchenorgel! Der Lillinger aus dem Orient.
Auch das Quartett um Magda Mayas tut gut. Endlich spielen so junge Menschen improvisierte
Musik in einem etablierten Rahmen. Alle hören gut zu. Kein Swing, sondern
aus dem Gestus der zeitgenössischer Kompositionen a la Feldman und Lachenmann
wird diese Musik entwickelt. Toll ist, dass sie nicht aufhören, wenn es
erst losgeht. Morton J. Olsen - seit 1981 auf der Welt - hat sein Schlagwerk
sehr einfallsreich zusammengestellt. Er ist der vitale Aktivposten dieser Band.
Mayas selbst, die Pianistin, kommt manch einem ein wenig lahm vor, macht aber
gute Soljanka.
Mit Standing Ovations gefeierter Publikumsliebling ist die Wiederbegegnung von
Baby Sommer und Leo Smith. Nach 23 Jahren wieder ein Touching Earth & Breaking
Shells. Leo Smith spielt so minimalistisch, wie es im europäischen Jazz
der späten 70er möglich wurde, ohne auch nur einen Moment die Verwurzelung
in der schwarzen Musik zu vergessen. Die Position des verstorbenen Peter Kowald
nimmt Barre Phillips ein. Auch hier findet er eine Stimme, magisch konzentriert
ein. Neben dem sehr energetisch spielenden Sommer, finden sich Bass und Trompete
zu intimen Duetts. Ein anderer Weggefährte von Baby bekommt am nächsten
Abend den Albert-Mangelsdorff-Preis: Ulrich Gumpert. Der Abstecher zum JazzFest
ins Quasimodo zeigt eine wahnsinnig heiße Berliner Nummer: Diese Band mit
Ben Abarbenel-Wolff, Jan Roder und Michael Griener frisst echt alles auf.
Noch ein Junger. Mit berühmtem Vater. Schlippenbach, Vincent von, ist ein
andächtiger DJ. Er ist so ehrlich wie ein Musiker sein kann und spielt mit
einer besonders scharfsinnigen Truppe. Dem illvibigen Ensemble gehören die
beiden interessantesten Bläser Deutschlands an: Wolfgang Fuchs und Axel
Dörner. Dazu gibt es den faszinierenden Thomas Lehn am analogen Synthesizer.
Und Ulrik Spies trägt auch seinen Teil bei, ist hier aber eigentlich überflüssig.
Sicherlich die anspruchsvollste und überzeugendste Baustelle der deutschen
Improgarde.
In freier Abwandlung einiger Mahall-Worte könnte man fragen: Wer schwitzt
mehr vom Jazz? Vielleicht ist es ja Lisle Ellis. Er spielt einen kleinen Kontrabass
sehr kreativ mit elektronischem Besteck. Und unter seinem Schuh hat er gelegentlich
ein Jazzbesen-Schlagzeug versteckt. Das Trio mit Schlagzeug, Fabrizio Spera und
John Butcher ist sehr hörenswert. Es ist in der Lage sehr intensiv große
Bögen zu entfalten. So wird es spät am Abend und der Saal halbvoll.
Die holländische Ensemblegemeinde Loos/Lust gibt unter der Leitung von Peter
van Bergen ein allzu heftiges Videokammerspiel mit viel elektronischer Musik.
Vielleicht machen sie das, was im Internet passiert, hörbar. Körperlose
Lichttheater-Übelkeit. Grenzwertige Darm-Schelllack-Hypnose. Ästhetische
Gewaltoper.
Zum Abschluss - nach dem wenig bemerkenswerten Cecil Taylor-Dokumentarfilm von
Christopher Felver - spielt die Free Jazz-Legende live. Sonntagnachmittag. Die
typischen Oktavrückungen, symmetrische Läufe. Handflächen und
Fäuste auf den Tasten. Die Bässe am Klavier – sind sie nicht
von Beethoven? Und eine Bluesphrase verdebussyt. Dazu explodiert sein Lieblingsschlagzeuger
Tony Oxley gelassen Klangcluster. Sie bilden ein Duo, welches gemeinsam die Musik
versteht. Symbiotisch, wie es etwa auch Irène Schweizer und Piere Favre
entwickelt haben. Und: Obwohl Taylor ja schon seit Jahrzehnten gleich klingt,
beendet er sein Überraschungsstück so plötzlich, dass lange niemand
klatschen kann. Der kecke Chinese.
(Erschienen in: Jazzthetik, Dezember 2005)
[TOP] [HOME]
|