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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Total
Music Meeting 2004 (Holz für Europa)
Das
Total Music Meeting hat in diesem Jahr sein Domizil im Neubau
der Berlinischen Galerie, welche der zeitgenössischen Kunst
verpflichtet ist, bezogen. Mit einem avantgardistischen „Wir
riskieren alles!“ formulierte Helma Schleif, Organisatorin
des Festivals und gegenwärtige Produzentin des legendären
Labels FMP, den Anspruch für die nächsten Tage.
Doch zunächst kopierte Harry Sparnaay streng Eric Dolphys Version von God
Bless the Child. Auch das seit vierzig Jahren bestehende Duo Irène Schweizer – Louis
Moholo war alles andere als riskant. Der gebürtige Südafrikaner bediente
ein konventionelles Drumset. Ohne Unterlass spielte er besonders schnell. Die
schweizerische Pianistin klang anfangs beinahe vollständig nach Cecil Taylor,
dann verstärkten sich noch traditionellere Elemente bzgl. der Rolle des
Basses; die Harmonien folgten zusehends Modellen des Blues und der modalen Spielweise,
so dass am Ende leider nur ein schlechter Keith Jarrett übrig blieb.
Mit dem sogenannten Tradition Trio konnte das Publikum am ersten Abend noch einen
tollen, hochenergetischen Gipfel besteigen. Roger Turner, ein sonderbarer Engländer,
stürzte immer mit meisterhafter Nervosität in die Musik herein, gab
hardrockenden Gabelschmerz und Schach für präpariertes Schlagzeug.
Johannes Bauer wurde bald wahnsinnig vor lauter Speed und rotem Blut im Kopf,
er tänzelte und warf seinen Kollegen fetzige Lächeln zu. Einen wirklich
unsagbaren Eindruck machte auch Alan Silva hinter einem Alesis-Keyboard. Er wirkte
wie einer, der aus Zappas Mothers of Invention entlaufen ist und sich nun schelmisch
zum TMM eingeschlichen hat. Seine Klangfarben und Sample-Splitter erweiterten
die Landschaften und Aussagen des Trios, welche wie eine Verselbständigung
des musikalischen Spielprozesses wirkten, enorm. Die Musik geriet ihnen mitunter
bis an die Grenzen eines abenteuerlichen Drum’n’Bass.
Der zweite Abend begann mit dem kanadischen Pianisten Paul Plimley. Wunderschön.
Er gab wirklich den Eindruck eines herrlichen Menschen, der ganz nah an den Tasten
lebt und ganz verzückt ist von dem Klang des riesigen Bösendorfers.
Zwei liebliche Stücke hoher Kunst, derer zwei weitere folgten, nur das in
diesen nichts Neues vorkam. Plimley spielte dann mechanisch und verlor die Idee
für seine Musik. Warum müssen manche Konzerte doppelt so lange dauern,
wie nötig? Auch eine digital unterstützte Analyse ergab, dass Plimley
die letzten 26413 Töne nicht hätte spielen brauchen.
Unter dem Titel Holz für Europa erwuchs auf der Bühne ein vielfiguriger
Skulpturenpark von Sopranino Sax bis zur Kontrabassklarinette. Bassklarinettist
und künstlerischer Leiter vom TMM Wolfgang Fuchs gesellte sich im Laufe
des Festivals gerne zwischen seine internationalen Bassklarinettenkollegen. Am
eindrücklichsten wirkte das Stück, für welches alle drei Spieler
ihre Kontrabassklarinetten anbliesen. Es klang wie das sinfonische Ausleben der
praktischen Bohrmaschine in Zeitlupe. Für die von Alex von Schlippenbach
arrangierten Dolphy-Stücke hätte das Trio sicherlich mehr üben
müssen.
Sehr bewusst trat daraufhin Alberto Braida aus dem italienischen Lodi sein Klavier-Solokonzert
an. Mit reifer Motorik dämpfte er konsequent die schwingenden Saiten ab,
gab ein sehr gebrochenes Spiel. Seine Harmonik schien absolut trocken und unerhört.
Sehr klar. Einen multiphonalen Enthusiasmus lieferte das venezianische Ensemble
Laboratorio Novamusica unter dem souveränen Dirigat von Butch Morris.
Am finalen Sonnabend hatten sich vier ältere Herren, deren Musik man nun
bereits kannte, drei junge Mädels von der Schauspielschule geholt. Diese
verfügten zwar über ein Set an gelernten Bewegungen, konnten dieses
auch zufällig einsetzen, entbehrten allerdings jeglichen individuellen Ausdruck.
Urs Jaeggi, ein aus Solothurn angereister philosophiesteinalter Öhmi machte
dazu überflüssige Worte. Für diese Szenerie handhabten die Herren
ihre Bassklarinetten nicht obszön genug.
Mit Han Bennink und Misha Mengelberg waren zwei Heroen der improvisierten Musik
eingeladen. Zwischen ihnen spielte Vinny Golia, jemand der früher Cover
für Chick-Corea-Platten gestaltete, verschiedene Blasinstrumente, fiel ansonsten
aber nicht weiter auf. Bennink hieb ab und zu kräftig ins Schlagzeug, setzte
sich dann unvermittelt unters Klavier oder machte Spaß mit Pappe. Mengelberg
wusste irgendwie nicht so recht etwas zu sagen. Man dachte sich: FMP, raus aus
der Klamottenkiste! Jedes Sinfonierorchester hat weniger weiße Haare. Aber
es war ja dann doch eine schöne Clowneske. Die Pointe des Konzertes gelang
in dem Augenblick, wo sich Mengelberg vom Klavier erhob und seine groteske Gestalt
sichtbar wurde.
Daraufhin betrat ein weiterer alter Knabe die Bühne. Dieser mit hohem musikalischem
Anspruch. Fred van Hove, Piano Solo. Er schwamm auf den Tasten. Unvergleichlich.
Der alte Mann und das Meer. Psychodelisch, und doch ebenso klassisch wie McCoy
Tyner. Diese Musik ist endlos, und doch will man ihr Ende nicht verpassen. Neben
dem Stück von Braida ist zum TMM damit ein weiteres wirklich wichtiges Werk
der Klaviermusik am Anfang des 21. Jahrhunderts zur Aufführung gekommen.
Eine Contradiction mit Konsequenz. Überhaupt ist dieses Festival für
improvisierte Musik eine unglaubliche Versammlung. Eine Elite von über fünfzig
Musikern, durch und durch international, spielte an drei Abenden vor jeweils
ausverkauftem Saal mit etwa dreihundert Menschen.
(Gekürzt
erschienen in: Junge Welt, 10 November 2004)
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