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EUPHORIUM Magazine.

Independent Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.

Total Music Meeting 2003 (Berlin 2003)

Das von FMP organisierte Total Music Meeting wackelte in diesem Jahr. Hatte doch die Stadt Berlin ihre Förderung abgesagt und mit Innovationsmängeln begründet. In der Tat ist die Orientierung auf die Gründergeneration der improvisierten Musik bedauernswert, doch kann aber gerade die Möglichkeit, diese sich in den 60er und 70er Jahren entwickelte Szenerie, lebendig auf der Bühne erleben zu können, nicht hoch genug geschätzt werden.
Der Auftritt dieser spezifischen musikalischen Landschaft begann mit einer hochdekorierten Harfe. Das richtige Instrument ist gewählt. Darinnen ritzt und stolpert in lackierten Stöckelschuhen eine ältere Dame, hackt mit Schrauben und funkelt dabei. So wie Anne LeBaron entwickelt Bertram Turetzky seine Klänge am Material und präpariert. Richard Teitelbaum nun hebt seine Kollegen mit digitalem Gerät aus den Angeln, verweist auf die Distanz, die wir zum physischen Raum errungen haben. Das amerikanische Trio bestätigt das Diktum der Avantgarde als Phase des Übergangs in eine neue Medialität. Material wird verhandelt, Virtualität eingerichtet. So wie die Klänge von Gegenständen ihre Identität verändern, so zieht auch unser Bewusstsein um, vermittelt in elektronischen Kreisen.
Günter Christmann humpelt mit Stock über die Bühne und stellt sein Bier ab. Phil Minton geht als Anwalt wohlmöglicher Leute auf. Wie sie selbst sagen, ist es eine Begegnung für Freunde und Nachbarn.
Die jüngeren Graewe/Gratkowski wirken erst weichlich und lahm, dann flink. Es scheint als sei der Free Jazz unter die Schulmusiker gekommen; gelernte Kaskaden! Danach noch mal Klavier und Saxophon. Es sind seltsame Vögel, echte Haudegen. Konzentration, Eingabe, Nachdruck. Ulrich Gumpert und Dietmar Diesner blieb, auch wenn Ihnen 1989 die Substanz genommen ward, etwas von ihrem Eigentum.
Globokar & Drouet bilden ein französisch reiches Duo. Sie arbeiten als Schamanen, rauschen und spannen Klänge. Während die Posaune auf dem Boden schrabbelt, steckt sich Drouet andauernd Pfeifen in den Mund. Sie bleiben dabei und lachen. Wirklich pittoresk ist Turetzkys Solo. Er gibt gesellige Töne und dadaistische Läuterung.
Die Luft, die wir bewegen – Musik – wandelt sich und unsere Befindlichkeit im Raum. Ein unverhohlener Rhythmus macht sich breit. Dieser Typ am Klavier spielt völlig unmelodisch und verhält sich sicherlich antithetisch zu Cage. Nur einer spielt so schnell und vor allem auseinander: Cecil Taylor, dazu Tony Oxley: fragmentarisiert. Von dieser Ferne zweier angenäherter Wirklichkeitselemente und ihrem willkürlichen Zusammentreffen schwärmte schon Max Ernst. Dieser Raum ist soweit gebrochen, dass seine Struktur an die Grenze der Wahrnehmung geraten ist. Als Agenten des physischen Raumes offenbaren Taylor und Oxley bereits die neue vom Körper abgelöste Medialität.
Sabbaghs Hand im vollen Mond. Der Araber tastet. Es ist eine friedliche Geste, wenn Teitelbaum in seinen Ton eindringt und eine andere Welt öffnet.
Das Trio Pat Thomas, Ronit Kirchman, John Edwards sind beinahe am konsequentesten bei der Materialbehandlung. Sie liefern exzellente Ergebnisse, sind ungehobelt - Fetzen. Auch sie thematisieren den Einbruch fremder Gegenden. Zum Abschluss konzertiert das King Übü Örchestrü für uns in einem zart-pamphletigen Klangpalast. Die Stimmen von Boris Aljinovic, Irena Bart-Greiner und Phil Minton klingen, können Traum gestalten. Wolfgang Fuchs’ international besetztes Ensemble trägt große Erwartung. Diese Musik ist gut, wenn sie die Situation verwirklicht.

(Erschienen in: Jazzthetik, März 2004)

 

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