| |
HOME | MAGAZINE
EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Raum
und Individualität
Aus
dem Phänomen, dass „Neue Musik früh in der Welt
ist und erst später, wenn überhaupt, gewürdigt
werden kann“, welches Mahnkopf in seinem Aufsatz Reflexion,
Kritik, Utopie, Messianizität in MusikTexte Heft 99, S.17-24
andeutet, scheint sich ein grundlegender kultureller Wandel entwickeln
zu lassen, nicht zuletzt unter der Blickrichtung einer „digitalen
Metamorphose“. Damit umkreist eine solche Untersuchung
in der Tat „eine Frage außergewöhnlicher geschichtsphilosophischer
Brisanz“ und kann – wie es Mahnkopf vermutet - eine
Aussage über den „Stand der Menschheit“ bergen.
Dieser grundlegende kulturelle Wandel betrifft indes die moderne Kunst überhaupt
und Neue Musik insofern sie sich als Kunst versteht. Unter dem theoretischen
Vorzeichen der ‚Entbildung’ zeigt sich im modernen Künstler
ein Einzelner, welcher sich durch künstlerisches Schaffen von seiner kulturellen ‚Bildung’ löst,
damit ein eigenes Bild schaffend. Solch ein künstlerisches Werk braucht
als neuartiges sinnlich wahrnehmbares Produkt eine bestimmte Zeit, um durch die
komplexen Strukturen einen anderen Punkt der Gesellschaft zu erreichen. Je entwickelter
nun aber diese Gesellschaft ist, desto schwerer wird es dem schöpferischen
Einzelnen sein, solch neuartiges Bild zu entwickeln als auch es wahrnehmbar zu
machen, es zu distribuieren. Dass heißt, die Chance für den modernen
Künstler schwindet. Gleichzeitig reifen aber in der komplexen (postmodernen)
Gesellschaft Mechanismen der Produktion, deren komplexe Produkte resp. Bilder
diejenigen der modernen Künstler atemberaubend überbieten. Ich denke
da etwa an das Internet, ein aufwendiges Computerspiel oder einen Einkaufscenter.
Dieser theoretischen Formulierung des Problems entspricht der empirische Nachweis über
die faktisch marginalisierte Bedeutung von Kunst und damit der Neuen Musik seit
der Entwicklung der populären Kultur . Ein Indiz hierfür ist etwa der
gesteigerte ökonomische Druck unter dem die sog. Hochkultur steht, was sich
nicht zuletzt in der Inflation von Literatur zum Kulturmanagment äußert.
Das Phänomen, welches Mahnkopf anführt, verweist auf eine bestimmte
historische, zugleich auf eine bestimmte kulturelle Konstellation. Die moderne
Differenzierung der Kultur selbst zu verschiedenen Subsystemen – Cassirer
nannte sie symbolische Formen – und damit die Autonomisierung der Kunst
resp. der Neuen Musik offenbart uns den Grund ihrer gegenwärtigen Rezeptionsschwierigkeiten.
Dem modernen Künstler resp. dem modernen Komponisten samt seiner Fähigkeit
Kultur zu verdichten, Autor zu sein, sich ein eigenes Bild machen zu können
- etwas, was von der Seite der ästhetischen Theorie bis zum Begriff der
Totalität gesteigert wurde – entspricht eine bestimmte Konstruktion
eines der zentralsten Momente unserer kulturellen Existenz: nämlich des
Raumes.
Dabei ist unserer seit der Renaissance entwickelten Vorstellung vom Raum eine
ganz bestimmte Qualität eigen. Seine Perspektive, die auf das menschliche
Subjekt abgestimmte Körperlichkeit lässt ihn als physischen Raum begreifen.
Erst diese Orientierung des Raumes auf den Menschen, ermöglichte (die Wahrnehmung
von) Individualität.
Die Malerei In den Jahrzehnten um 1900 etwa von Cezanne bis Kandinsky abstrahiert
nun zunehmend von der Repräsentation des physischen Raumes. Farbe, geometrische
Formen, das Material – früher allesamt auf die Konstruktion des physischen
Raumes ausgerichtet - gewinnen an Eigenständigkeit. Die verschiedenen künstlerischen
Avantgarden in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts entwickeln verschiedene
Sprachen einer Bildwelt jenseits der Bedingungen des physischen Raumes. Die Reduktion
dieses zentralen modernen Paradigmas (nämlich der auf den menschlichen Körper
ausgerichtete Raum) ist dialektisch mit der Konstruktion einer neuen Raumqualität
verbunden. In dem Moment, wo monochrome Bilder möglich werden (Malewitsch,
Yves Klein, Mark Rothko) schlägt die Qualität des Raumes um. Die weiße
Leinwand kann als Metapher diesen Durchgangspunkt bezeichnen. Der physische Raum
ist hier so weit aufgelöst, dass der virtuelle Raum eingerichtet werden
kann. Das was unsere Erfahrung, unser Bewusstsein bestimmt, rutscht von der weißen
Leinwand, die selbst - trotz des auf ihr verschwundenen physischen Raumes - noch
körperlich ist, in den Bildschirm. Erst Fernseher, dann die Computer stellen
die Bildflächen, auf denen der Raum einer ganzen neuen Kultur baut.
Wird so in der Bildenden Kunst eine Veränderung des Raumes – nämlich
eine Auflösung des modernen physischen Raumes - anschaulich, so lässt
sich auch die Wandlung dieses Raumes in unserem Alltagsleben beobachten.
So löst eine längere Autofahrt über entsprechend gebaute Straßen
unsere Erfahrung von der eigentümlichen Umgebung, vom eigentlichen physischen
Raum. Der Raum, durch den man fährt, wird durch das Transportmittel Auto
auf eine Frontfenstersicht reduziert und nimmt so – noch in der körperlichen
Bewegung – den Monitor vorweg. Die Transportmittel deuten also die virtuelle
Medialität schon an.
Eine ähnliche Wirkung hat auch der Fernsehkonsum. Wie sich leicht beobachten
lässt, ist das Bewusstsein der Fernseh-Konsumenten derart von der Erfahrung
dieses virtuellen Raumes bestimmt, dass der aktuellen Befindlichkeit im physischen
Raum beinahe keinerlei Bedeutung mehr zugemessen wird. Der Einzelne ist damit
aber im gleichen Moment auch der Handlung, wie es dem modernen Individuum gelang,
beraubt . Die Eigentümlichkeit des Raumes wird nicht mehr wahrgenommen.
Entsprechende Untersuchungen haben sich damit beschäftigt, dass Kinder,
die starkem Fernseh- und Computerkonsum ausgesetzt sind, einen Ball nicht mehr
treffen. Solche motorischen Defizite sind aber nicht pathologisch, sondern sind
kulturell begründet und müssen deshalb auch kulturphilosophisch erklärt
werden.
Eine ähnliche strukturelle Vorbereitung von digitaler Technik, zeigt sich
uns in der Verwandtschaft von Plattenbauten und Mikrochips. Es sind beides Massenunterkünfte,
Massenspeicher.
Die Veränderung des Raumes als Ablösung von den Bestimmungen der Physis
wird auch an der Musikentwicklung anschaulich.
Einigermaßen leicht lässt sich eine Musik von Haydn, Mozart oder Chopin
noch auf eine tänzerische Wurzel zurückführen. Diese Musik zeugt
von der Repräsentation einer Bewegung im Raum. Klarer Rhythmus, einfache
Harmonik scheinen auf die Perspektive von Körpern, auf die Modulation der
Gegenstände zu verweisen. Was Schönberg aufzulösen beginnt ist
bei Cage bereits radikal abgebaut. Der physische Raum ist so weit reduziert,
dass die Stille nur noch Spuren von ihm einfängt. Analog zur weißen
Leinwand gelingt hier der Umschlag in eine neue Medialität.
Cecil Taylor und Tony Oxleys Spiel zeigen ebenso die Auflösung von Rhythmus
und Tonalität. Der Raum ist fragmentarisiert, zerbrochen . Gleichwohl spielen
sie noch am körperlichen Material. Die Szenerie des Free Jazz ist, wie sie
sich in den 60er und 70er Jahren entwickelt, überhaupt ein überaus
spannender Moment. Historisch nach Cages „stillem Stück“, scheint
ein letztes eigentümliches Aufbegehren stattzufinden. Der endgültige
Zusammenbruch des physischen Raumes und seiner konstruktiven Gesetzlichkeiten
und seiner Bestimmungen hinsichtlich des Individuums legen das reine Material
bloß. Die Improvisationen die sich zuerst hoch individualisiert geben,
sind dabei voll und ganz am Material orientiert. Wie schon bei Duchamp oder Warhol,
ist auch beim Free Jazz die Selbstaufgabe - im Sinne einer Aufgabe von moderner
Autorenschaft - letztlich Zeichen einer postmodernen Qualität der Kultur.
Die Popmusik zeigt schließlich den etablierten virtuellen Raum. Dabei scheinen
Tonalität und Rhythmus, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
zunehmend aufgelöst werden, über die elektroakustischen Klänge
(etwa einer E-Gitarre) in den digital-synthetischen Formen wiederzukehren. Dabei
sind sie aufgehoben, das heißt ihre Qualität ist eine andere. Die
künstlerischen Avantgarden erscheinen dann als Ausdruck des verzerrten Raumes,
dessen neue Qualität erst durch die digitale Technik Stabilisierung findet.
Es gibt Produktionen, bei denen eine Musik über Kontinente oder Jahrzehnte
hinweg zusammengesetzt wird. Haben sich die Musiker vor zweihundert Jahren allein
für die Anfahrt zum Musizieren durch die Eigentümlichkeiten des Raumes
schlagen müssen, wird ein ganzes Orchester heute durch eine hauchdünne
11,5 cm dicke durchsichtige Scheibe ersetzt. Der Raum hat seine Qualität
geändert.
Diese qualitative Änderung des Raumes unter dem Vorzeichen einer „digitalen
Metamorphose“ verweist uns auf eine grundlegende Wandlung der Bedingung
von Kunst und der historisch-kulturellen Möglichkeit des Künstlers.
Die Wahrnehmbarkeit der Werke des modernen Künstlers ist demnach ein Problem,
welches erst mit der Etablierung demokratischen Sendungsbewusstseins entsteht.
Insofern stellte es sich etwa bei höfischer Kunst noch gar nicht. Der am
Hof gehaltene Komponist wurde beauftragt, arbeitete gleich nebenan und die Aufführung
seiner Musik erreichte alle, die es anging. Eine historische Zäsur nach
der Existenz eines freien Künstlers ist dann erreicht, wenn mit durchgesetzter
Demokratisierung das Publikum für eigentümliche Werke verschwunden
ist und hoch aufgelegte Produktionen kursieren. Die Tendenz der Kultur zur identischen
Reproduktion wird ersichtlich in einer ästhetischen Phänomenologie,
die von den Serien des Impressionisten Monets – über Duchamps Ready
Mades zu Pollocks Drippings, Rothko, Feldman – schließlich über
Warhol bis zur gegenwärtigen, durch digitale Systeme gestützte Popkultur
reicht. Die einziehenden Charts, welche sich nach den Verkaufszahlen richten,
sind ein Indiz dafür. Mit der „digitalen Metamorphose“ ist damit
die Bildung eines seriellen Raumes wie die Verfolgung des seriellen Menschen
in Ablösung von den räumlichen und menschlichen Eigentümlichkeiten
gezeitigt.
(Erschienen
in: MusikTexte, Heft 101)
[TOP] [HOME]
|