| |
HOME | MAGAZINE
EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Musik-Zeit
2007 (Leipzig, 9.-11. Februar 2007)
In Leipzig
gibt es die jedes Jahr einem anderen thematischen Schwerpunkt
gewidmete „Musik-Zeit“. Für das Mini-Festival
des ansässigen Jazzclubs wählte der künstlerische
Leiter Bert Noglik dieses Mal das Motto: „New Jazz Today – Brennpunkt
Berlin“ und erschaffte damit an den Abenden des 9.-11. Februars
2007 eine reiche Konzertfolge im randvollen Club.
Der viel gepriesene, mit 28 Jahren ziemlich junge Pianist Michael
Wollny eröffnet voll femininen Feinsinns ein lyrisches bis
romantisches Wohl. Sein Trio “[em]“ mit Eva Kruse am
Kontrabass und Eric Schaefer am Schlagzeug hat vor einem Jahr in
einem Göteburger Studio für ACT ein Album aufgenommen:
ein klingendes Wunderbalsam ohne Abstriche höchster Kunst.
Fantastisch, kraftvoll, verspielt. Furios, sensibel, andächtig.
Live wirkt das Trio dann zunächst langweilig. Eingängiges
aus Melodie, Harmonie und Rhythmus. Spielen die drei sich selbst
hinterher? Natürlich ist dieser Plexiglas-Schimmel-Flügel
am Veranstaltungsort eher klein im Klang. Das letzte Stück
sitzt aber wieder so richtig derb dramatisch im Sattel eines Weltklassejazz.
Bei „Yakou Tribe“ fasziniert vor allem Jan von Klewitz.
Grauhaarig, mit beeindruckend zärtlichem Buckel bereitet er
in gekonntem Wippen ein Saxophon, welchem man trauen kann. Melancholische
Melodien, die das Vergessen entbergen. Die ganze Nacht wird sich
so in einen unendlichen Nachhauseweg stimmen. Wahre Groove Elation,
welcher eine Ausdünnung folgt und Verstummung, ohne dem Zwang
zum Nachsatz.
Am folgenden Tag reisen Jan Roder und Michael Griener, der als
Ziehvater mit dem Hannoveraner Avantgardisten Günter Christmann
angibt, von Darmstadt ab. Dort hatten sie soeben bei Wolfram Knauer,
im Keller des Jazzinstituts in der schwer beeindruckenden Mangelsdorff-Preis-Band
Ulli Gumperts mitgespielt. Im Leipziger Kulturhaus „naTo“ verteilen
sich die beiden Musiker auf zwei andere Bands. Zunächst ist
Roder im Quartett von Silke Eberhard zu erleben. In einem kurzatmigen
Groove steht die Band mit latinem Einschlag und swingt schon im
ersten Titel. Sie klingt frisch, klingt modern, klingt kinderleicht.
Altsaxofonistin Eberhard verfügt sofort über einen „feinen
Ton“ (Hansi Noack), bläst exquisit warm bis dünn
- eine wahre Registervirtuosin! Des Schlagzeuger Merks Hemd, längsgestreift.
Des Pianisten Thessalonikis Haar, ergraut. Aus dem konventionellen
Ansatz - Begleitband plus Solist, Themen, Soli, Einzählen
und chromatisches Rücken - erwachsen sensible Atmosphären.
Die Vier können abstrakt, kammermusikalisch exakt musizieren.
Faszinierend, wenn es die Eberhard vom Hall angefeuchtet in den
Hintergrund zieht, nur für einen Moment, die Zeit mitnimmt
und die ganze Band umdreht. Roder schrägt sowieso windschiefem
Bewusstsein. Im Laufe des Konzerts tritt der Bassist immer offensiver
in Erscheinung. Mühelos, ohne Faxen. Alle sehen ihn. Im Solo,
naiv, in extremer Distanz zu seinem Instrument, seiner professionellen
Rolle versunken. Dann diese famosen Accelerandi und Ritardandi
des agogischen Walking Bass. Der Gipfel von Roders Beiträgen
zum Silke Eberhard Quartett stellt an diesem Abend die minimale
Ballade „Jetzt reicht’s“ dar: übergroß.
Dann baut Michael Griener mit Hut seine Becken an die Ständer. „Baby
Bonk“ wird spielen – dabei ist die Band keine Hommage
an Schlagzeugmeister Baby Sommer, Grieners Chef an der Dresdner
Musikhochschule. Der andere Hutträger ist Trompeter Martin
Klingeberg. Wird er mit dem elektronischen Geräte, welches
er vor sich gruppiert, wie Axel Dörner reduzieren? - Nein.
Da!, Kalle Kalima, der Finne in Berlin - jetzt in Leipzig, mit
weißem Anzug, und immer etwas helgesk. Helgesk auch Klingeberg,
sagt: Er wär’ so gerne ein Afrikaner! Von Null auf Hundert
kracht das Trio los. Kalima spielt quasi eine Bassgitarre, über
deren harte Riffs Klingeberg scharfe Melodiekaskaden tönt.
Klingeberg quatscht! Dann gibt es Hall und Unisono. Dazwischen
immer mal neodadaistische Sprüche und kurze Gesänge.
Rap mit Surf-Refrain. Klingeberg ist eine große Stimmbegabung,
wäre vermutlich auch von Zappa als Aushilfskraft zugelassen
worden. Die Musik bleibt dabei relativ einfallslos und gleichförmig.
Manchmal unausgereift und mit viel Energie hingerotzt. Dann fesselt
Kalima, gibt eine vulkanisch-steinerne, halsbrecherische, manchmal
frisellige Gitarre in Blues, Jazz und Rock, tänzelt so schön
dazu. Manchmal klingt „Bonk“ orchestral, beinahe wie
eine komplette Band. Dann gibt es doch auch mal eine anstrengende
Nummer fernab von Melodien und Grooves.
Am finalen Abend strukturieren das Türkisblau eines Notenordners
und ein orangefarbener Hemdkragen kontrapunktisch die Bühne.
Diese Berliner setzen ein mystisch dichtes Gewebe in den Raum.
Aus dem schweren Kontinuum treten irgendwann Bass und Tenor als
vibrierende Nervenfasern hinaus. Auch hier ist wieder jede Regung
mit dem typisch Berliner Understatement gesotten. Es heißt
in trockenem Habitus und bisweilen unisono vertrackte Melodien
schustern, rhythmisch schlicht und undurchschaubar sich bewegen
und dosierte, gleichwohl atemberaubende solistische Kumulation
anzudichten. Manchmal wirkt diese Ästhetik auch so, dass man
unweigerlich an Spanplatten denkt. Spanplattenmelodien. Spanplattenharmonien,
Spanplattenrhythmen. Es ist Erdmanns Roter Bereich. John Schröder,
der aus Frankfurt-Horkheim stammende und am Liebsten Alban Berg
in den Albaner Bergen hörende Jeck am Schlagzeug! Die typisch
Möbus’schen Kompositionen, welche in ihrer Integration
von Melodie, Harmonie und Rhythmus eine stringentere Fortsetzung
Ornette’scher harmelodischer Ideen zu sein scheint. Erdmanns
Tenor ist dabei weicher, glatter als Mahalls Gebläse. Aber
er spielt wunderbar vorne, kleine Melodieschwengel insistierend
in minimal-intervalliger Schnörkeligkeit, trocken, wippend,
dadurch hymnische Kraft gewinnend, um dann wieder in kontrafragile
Linien zu brechen, die am Schluss einfach abrechen. Ganz groß auch,
wie der schmächtige Fink (der andere in Naivität solierende
Berliner Kontrabassist) die Töne konsequent in die höchsten
Lagen schiebt, um dann mit beinahe nicht vorhandenem Tempo den
Groove zurück zu bringen. Es ist so, wenn sich der Jazz sparsam
wölbt. Dann ziehen sich Vincent von Schlippenbach, Dirk Berger,
Leon Schurz und Roy Knauf im kleinen Backstage ihre weißen
Astronauten-Anzüge um, verkleiden sich zu einer Gruppe, die
ebenfalls sparsam musiziert: „Lychee Lassie“ fegt dann
den Saal leer – natürlich nur symbolisch. Angesichts
dieser extrem aufs Rhythmische abgestellten Reduktion fragt nur
John Schröder mit bewundernswerter Ironie: „Wieviel
Intellektualität verträgt der Mensch?“ Eine statische
Grooveband feat. DJ Illvibe also. Das dynamische Element ist die
Virtuosität vom Plattenteller. Disziplinierte Texturen, die
ins Universum bersten, was ja nichts anderes heißt als eine
neue Sinfonie zu definieren. Reduzierte Beats, eine Synthie-Gitarre,
die wie Gescratchtes Einwürfe macht. Einmal liefert die Band
eine sensationelle Dekonstruktion eines Black-Music-Soul-Gesangs.
Applaus für eine Collage im Zeitalter der Zerstückelung
der Seele. Und manchmal lässt Illvibe, als Sohn des berühmten
Vaters, auch noch Robert Johnson ins 21. Jahrhundert schauen und
in die Küche bitten. So sind alle, wie immer, auch auf diesem
Festival wieder vereint.
[TOP] [HOME]
|