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EUPHORIUM Magazine.

Independent Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.

Musik-Zeit 2006

Der ältere Mann mit dieser blauen Arbeiterjacke über dem weißen Hemd und dem schwarzen Hut hat einst mit Joe Henderson und Hubert Katzenbeier musiziert. Nun quasselt er und quasselt, Ooh!, und setzt ein vitales Altsaxophon unter Druck. Jetzt wieder Quasseln… irgendwo zwischen Mozart und Helge, nur auf preußisch. Es ist Ernst-Ludwig Petrowsky. Neben ihm steht Uschi Brüning, eine pragmatische, bescheidene Frau, die ihren genialen, plappernden Mann ermahnen muss. Was hätte Irmtraud Morgner zu dem Paar gesagt?
Am ersten Festivalabend spielt das „ehrlichste Ensemble“ (Petrowsky) ein sehr heterogenes Programm mit kurzen Stücken und langen Ansagen. Dabei gibt es selbst arrangierte Themen und Rückgriffe auf afroamerikanisches Liedgut oder Schwitters chinesischen Banalitäten. Manches davon „ist schon so lange her, dass ist schon wieder Zukunft“ (Petrowsky). So wird aus Dada Pilbe und Usel aus Merz. In einer Art multiinstrumentalen Fez aus dem Kleinbürgertum kommt eine rostig gestimmte Zither als „personifizierte Bluenote“ (Petrowsky) zum Einsatz oder werden „blöde Akkorde, die eigentlich nichts sagen“ (Petrowsky) auf dem Klavier ausprobiert. Wirklich frisch und wichtig ist die Sprache aus Mikropartikeln, welche das Duo ausführlich und detailiert zu sinnfreien Diskussionen stiftet. Mit einer Version von „My funny Valentine“ überzieht Brünings Gesang dem Hörer schließlich eine waschechte Gänsehaut.
Die beinahe gleiche Generation von Engländern generiert bald danach einen Fluss, in welchen sie sich vorbehaltlos, einzig von ihren über Jahrzehnte entwickelten musikalischen Figuren getragen, hineinbegeben und hochenergetisch getrieben oder spastisch zurückfedernd, konzentriert arbeitet und diskursiv-fantastisch spielt. Trocken und konkret sind Roger Turner und Phil Minton Meister menschlicher Radikalposen. Turner, der unentwegt verbissene Lust zeigt, sich in Zustände der Selbstüberraschung zu versetzen, kracht lange dünne Metallstäbchen auf schwingende Bleche, hängt Glöckchen. Und Mintons Stimme klingt manchmal so elektrifiziert, wie ein Kabel, dass bei 3000 Volt bricht. An diesem Abend faszinieren beide aber besonders bei ruhigeren Passagen.
Ohne Zweifel kann sie sehr gut schnarchen und röhren, mit wirklich toller Stimme heulen wie ein Wolf. Aber Bert Nogliks Glauben (sie hätte durch ihre Übersiedlung von dem hippiesken San Francisco in ein schweizerisches Kuhdorf nicht anders gekonnt, als eine eigene Welt, eine eigene Sprache zu erfinden) zum Trotz lebt die Show Erika Stuckys von Covermusik und Promiklatsch. Das reicht von Max Schmeling über Britney Spears zur Queen Mum. Es muss also nicht, wie vor zwei Jahren, Hendrix sein. Sie kann auch mit Prince oder Michael Jackson. Eigentlich würde sie lieber als „Jazz-Prinzessitätchen“ kariophile Blasen und Knochen versprühen, liefert aber nun etwas, das gerade mal als bessere Animation für Hotellobbys und Kreuzfahrten durchgehen würde. Es ist allenfalls nett. Was als hip und extravagant angekündigt wird, erweist sich dann als ziemlich träge. Musik wie eine warme Badewanne. Für einen Abend, der nicht sonderlich aufregen soll. Zugegebenermaßen, es ist etwas ganz anderes, mit Hilfe eines Laptops dem Publikum elektronische Bilder zu zeigen und diese gar abzulecken. Aber die krampfhafte und widerliche Selbstdarstellung, die – Vorsicht - nur als die Potenzierung von amerikanischen und schweizerischen Komplexen verständlich werden könnte, überwiegt. Entschuldigung, aber das feiert auch noch der Saal! Stucky versucht dann mit ihrem eigenen, projizierten Leinwand-Abbild zu kommunizieren und dadurch Glamour auszustrahlen. Das gelingt ihr aber auch nicht unter Hinzunahme eines Elvis’schen Rock’n’Rolls. Vielleicht hat sie einfach nur einen schlechten Tag. Auf jeden Fall wird ihre Stimme sicher von einem weißen und einem schwarzer Schrank am Blech flankiert: Bertl Mütter und Jon Sass. Mütter spielt die Posaune excellent, und ist solo echt humorvoll, fähig zu zeitgenössischem Posaunenspiel mit erfrischender Ironie. Ein Herz- und Lichtblick! (Hat nicht jemand Lust mit Bertl Mütter, dessen Statur die eines niedlichen Dietmar Diesners entspricht, eine Konstellation mit dem etwas aus der Mode geratenen Dresdner Saxophonisten zu wagen?) Übrigens spricht Stucky ihre ganz eigene Sprache in Englisch und Deutsch.
Der letzte Festivalabend beginnt mit einem Akkord Ulrich Gumperts, der sich in kleinen Sekundintervallen fortsetzt. Mit seiner musikalischen Partnerin Laura Newton gibt er ein intimes Duo. Diese singt asiatisch-indianisch oder wie eine Fliege mit Opernerfahrung. Meistens bearbeitet Newton Phrasen, die sie von Gestik und Mimik unterstützt, variierend weiterentwickelt. Dabei wirkt sie sehr akademisch, kontrolliert und überlegt. Die Stücke beginnen meistens mit dem Klavier. Manchmal pointilistisch-aleatorisch, manchmal tranceartig, wobei Gumpert den Flügelrahmen tablaartig und Newton den Innenraum des Tasteninstrumentes für Hall benutzt, nähern sich die Beiden an. Aber sie hören da auf, wo andere anfangen. Das Duo Gumpert/Newton verbleibt jederzeit auf sicherem Boden.
Mit wirklich prophetischer Größe hat David Moss plötzlich ein nie geahntes Tor aufgestoßen, eine andere Dimension hergerufen. Der Mann im Format einer Mischung aus Mario Adorf, Patrik Landolt und Stevie Wonder durchwaltet mit ungeheurer Schöpferkraft und Präsenz den Raum. Elektronisch anspruchsvoll durchsetzt, doch flüssig, weich, dynamisch. Durchaus szenisch. Skulpturale Miniaturen und verschiedene Formen von Tischschlagzeugen werden gezeigt, rosa und grüne Luftballons, die Helium enthalten, Fächer. So gibt es Schreie, die ersterben. Erzähler, die darüber stehen. Monster, die im Stimmbruch kommen. Pflichtbewusste Kinder, die um Haushaltsstoffe kümmern. Schüsse, die im Chor zu Schüttelfrost vibrieren. Brüche, die Kleidungsstücke kastrieren. Erschreckende Organe, die im leeren All. Und alle zusammen. Frauenbeine ohne Unterklo. Und eine Flüstertüte nur aus Zeitung. Alles ist gut vorbereitet. Frank Schulte entwickelt mit synthetischen Klickern und feinen Klangflächen eine visionäre Situation, ein anregendes Fluidum für den meisterhaften Stimmagenten, der wirklich eine eigene Welt, mindestens eine eigene Sprache versteht.

 

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