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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Musik-Zeit
2005: Impro Helvetia (8-10 April 2005, Leipzig)
Das
dritte Jahr in Folge rezensiert der Autor Konzerte der vom Jazzclub
Leipzig in jedem Frühjahr veranstalteten Reihe „Musik-Zeit“,
welche jeweils repräsentative Musiker und Gruppen verschiedener
Nationen vorstellt. Nach den Briten (2003) und Deutschen (2004)
sind für die Abende des 8.-10. April 2005 – so Kurator
Bert Noglik - „verschiedene Temperamente und Generationen“ der
schweizerischen Improvisationsgarde angetreten.
Am ersten Abend erscheinen zwei Pioniere. Zuerst Irène Schweizer Solo:
Mit roten Lederschuhen und grünem Samthemd bekleidet, kurze weiße
Haare und goldenen Ohrringen, ein Handtuch und ein Glas Wasser in der Hand. Sie
tritt zum Flügel, legt die (vermutlich Schweizer) Uhr ab und beginnt, tastet
sich vor, spielt mehr oder weniger komplexe Arpeggio hinauf, stürzende Läufe
hinunter, erzeugt mit ihren Schuhsohlen akustisch wahrnehmbare Impulse, wechselt
andauernd und plötzlich die Register, wirkt kräftig und präsent.
Die Schweizerin arbeitet mit einem freien Assoziationsfluss, vollführt eine
zur technischen Perfektion geführte fragmentarische Pianistik. Ihr Solospiel
ist dabei handfester als etwa das von Fred van Hove oder Alberto Braida beim
letzten ‚Total Music Meeting’ in Berlin. Auch ihr Berliner Kollege
Alexander von Schlippenbach passt auf jeden Fall mehr auf, eine Form geistiger
Exklusivität zu bewahren. Sie interessiert sich verstärkt für
harmonische Zusammenhänge und motivische Entwicklungen. Das zweite Stück
endet besinnlich, fast andächtig vor dem eigenen sechseinhalb Jahrzehnte
umfassenden Lebensweg. Dann ruft sie ihren Spielpartner Pierre Favre. Dessen
Schlagzeug besteht aus einfachem Set, nebst extra großer Basstrommel. Irènes
Spiel wird im Zusammenspiel repetitiver. Favre wirkt etwas rumpelnder und zurückhaltender
als etwa Baby Sommer – dem langjährigen Spielpartner Schweizers aus
Sachsen. An diesem Abend einigen sich die Beiden sehr bald auf traditionellere
Spielarten des Jazz, mit klaren rhythmischen und tonalen Bezügen, welche
bis zu Chick Corea reichen. Mitunter sorgen sie für wippende Füße
und Melodien für Millionen. Irène macht den Eindruck, als ob sie
es genießt, auch mal einen Blues-Vamp zu spielen. Der Druck auf die Musiker
avantgardistisches Zeug zu produzieren scheint nachgelassen zu haben. Nur bei
einem Stück geht es wesentlich um Geräusche, greift Irène in
den Flügel, kommen ihre Paukenschlägel zum Einsatz. Jetzt spielt sie
tatsächlich perkussiv. Und: Es ist bei der Frau, die Ende der 70er in der
revolutionären „Feminist Improvising Group“ für Aufsehen
erregte, keine politische Betätigung mehr zu spüren und beinahe wirkt
es, als spielten die Beiden an diesem Abend weitgehend für sich.
Am Sonnabend spielt Koch/Schütz/Studer, ein Trio, dessen Mitglieder - alle
Anfang der Fünfziger - ein deutlich jüngeres Konzept improvisierter
Musik vertreten. Unter der Marke Hardcore Chambermusic haben sie ihre anspruchsvolle Öffnung
zu aktuelle Formen elektronischer Musik in den letzten Jahren bewiesen. Vor allem
aber machen sie wirklich gerne Musik.
Hans Koch ist bekannt und strengt neben Sopransax und Bassklarinette auch einen
Laptop an. Fredy Studer spielte früher mit Urs Leimgruber und sitzt hinter
einem schwarzen, symmetrischen Pearls-Schlagzeug. Martin Schütz sieht mit
seinem Ziegenbart aus wie ein Hochintellektueller, der Instrumente destruieren
kann. Deshalb spielt er ein Cello elektrisch. Auch wenn sie so gut wie nichts
spielen, ist Koch/Schütz/Studer unglaublich intensiv. Aber die kleinteilige
Materialbearbeitung (Wackeln von Wäscheklammern auf den Saiten) kommt im
ersten Set zu kurz. Oft spielt Studer viel, z.B. Rock und Schütz laut, z.
B. ein E-Gitarrensolo. Hans kocht mit Wasser. Das erste Set ist also etwas undiszipliniert,
das Zweite ganz anders. Die Unterschiedlichkeit der Sets verdeutlicht, dass die
Musik bei dieser Klasse von Musikern nicht leicht verallgemeinerbar ist, sondern
dass sich jeweils bestimmte Möglichkeiten realisieren
Nach der Pause spielen Koch/Schütz/Studer ohne Elektronik in der klassischen
Jazz-Instrumentierung Tenorsaxophon, Cello - der kleineren Schwester des Kontrabasses
- und Schlagzeug, nur völlig ohne Swing. Kochs Linien bleiben ganz nahe
beim Boden, ganz ohne Schwung, Schwulst und Schnörkel. Ein ganz großer
(Anti-Jugend-)Stil!, und wie es nie jemand gedacht hätte, dass so jemand
im 21. Jahrhundert musiziert. Bald darauf ist das Trio völlig irgendwohin
durchgebrochen. Ihre Musik entfaltet eine so schräge Situation, dass die
Abgründigkeit der damit provozierten Gedanken kaum zu glauben ist. Die Töne
bleiben Hans Koch im Hals stecken. Am Schluss deutet Schütz eine Zugabe
an, welche aus nichts anderem besteht, als dass er mit Kehrschaufel und Besen
kurz den Bühnenboden überfegt und die Krumen aufs Schlagzeug fallen
lässt.
Am finalen Abend gibt Pierre Favre - geborener Jurist - ein Solo Konzert. Ein
Titelvorschlag für eine Aufnahme könnte „Montagmorgen in der
Akademie“ heißen. Favre hat ein riesiges Set auf die Bühne gestellt.
Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass er lieber auf Musikmessen spielen sollte.
Da wo andere die Instrumente magisch behandeln, sie erwecken, stößt
Favre sie eindimensional mit verschiedenen Schlagstöcken kalt, so dass einzig
eine tote Starre akustisch kurz aufscheint. Völlig schal und eingebungslos.
Er setzt dem Publikum eine dreiste akademische Deklination von Schlagstöcken
und Schlagkörpern vor. Musik lässt sich nicht im Katalog kaufen. Liebe
Veranstalter, ein Glück, dass es Christian Lillinger gibt.
Lucas Niggli’s Trio „Zoom“ agiert in der Liga und bespielt
das Marktsegment vom „Roten Bereich“. Niggli, Wogram und Schaufelberger
zeigen Interesse für Komposition und schielen immer auf die Noten. Aber
ihre Musik geht wirklich ab! Die Mitte Dreißigjährigen wirken konzentriert,
musizieren sensibel. Niggli spielt ein konventionelles Set, erweitert um ein
Türmchen Zymbeln. Wogram kann man getrost herzlich als Superstar der Jazz-Posaune
verhandeln.
Über die Frequentierung der Konzerte durch interessierte Musikliebhaber
freuten sich die Musiker sehr.
(Erschienen
in: Neue Musikzeitung, Juni 2005)
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