| |
HOME | MAGAZINE
EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Musik-Zeit
2004 (Komposition & Improvisation)
Mit
der Musik-Zeit verwirklicht der Jazzclub Leipzig alljährlich
eine dichte, äußerst spannende Konzeption. Diesmal
sollte eine Schar der profiliertesten, sich in Berlin konzentrierenden
Jazz-Avantgardisten aufspielen und ihre zu enormer Freiheit gefundene
Musikalität an der Tradition reiben. In einer Folge von
drei Abenden wurden außergewöhnlichste Konzerterlebnisse
erfahrbar. Zuerst ein sensationelles Klavier-Duo. Denn: es spielt
ein Paar von großem historischem Gewand. Sie geben eine
Kammermusik wie ein Strom oder eine Landschaft, auf jeden Fall
keinen Tisch. Dösen, dumpfe Pöch, metallenes Gewisch:
ihr Schach für präpariertes Klavier. Schlagfertige
Einsen, Einzelnes lichtentrob. Welch Körperfreiheit man
als Pianist genießen kann! Und sie sind sehr sanft zueinander:
Aki Takase und Alexander von Schlippenbach vertrauen sich, sie
sind verheiratet.
Mit harlekinesischem Volksmund unterfüttert, treten nun fast rupfende Hühner
auf den Plan. Takase zackig, harrt Stechschritt – federt – jetzt
ist sie ein kleines Mädchen, das sich über Europa beugt, ein japanisches
Mädchen, reißt liderlich in „anderes Loch …ein … ooh …oh!
..steht auf dem Kopf …und lacht mich aus.“ Reiterei, von Kinderplanschbecken
durchzogen, fangende Kräuter, blilane Gummizeuge. Dabei spielen beide auf
Hochsitzen und kreisen wie auf Türmchen um die Welt, über Kirchenfelder.
Es bleibt eine sehr körperliche Exegese, Duo collagiertes Wes (-moll). Mechaniken,
die tröndeln unsere Hirne. Wir sitzen in einem Raum, zur gleichen Zeit!
Dabei packen die da vorn die Welt am Schopf. Wir dürfen Ihnen dabei zusehen.
In der Klavierpräparation verschwinden die stabilen Klänge, wie sie
später die Elektronik verwischt. Es ist die ehrliche Variante der Manipulation
gegenüber der Popmusik. Ein Huf stampft. Von Schlippenbach redet: „Schrauben
schreiben Spiralen …Teile für Teile …mit zugebundenen Augen
hergestellt …kleine metallene Persönlichkeiten …Wo bleiben sie?
Wie sehen sie aus? Müssen sie verkäuflich sein?“ – „Nein
Nein“, sie weiß es. Ihre Musik hat weit ausgreifende poetische Qualität,
niemand darf daran vorbeischauen. Dieses Konzert inspiriert. Echte Kunst verändert
die Wahrnehmung: Das Klavier ist ein Topf. Von kleinster Etüde. Kopfsprung
im Gänsemarsch. Die ‚Morlocks’ (eine Erfindung von von Schlippenbach)
bedeuten so zahngeräderten Humus. Noise – eine aktuelle Musikströmung – zeigt
sich hier fünfstücklig süchtig.
Solche Pianisten folgen Ihrem Duo an nächsten Abenden als Bandleader. So
hat sich Aki Takase für ihr Fats-Waller-Programm Paul Lovens ans Schlagzeug
gesetzt; Nils Wogram spielt Posaune und gibt mit Rudi Mahall an der Bassklarinette
ein hübsches Bläserpärchen ab; ein Zufriedener aus Amerika, Eugene
Chadbourne genannt, stellt gleich wie verschwenderisch seine St.Louis-Armstrong-Stimme
in den Raum: Da!, ein Banjo, fröhliche Zeit! Sehr geehrte Damen und Herren,
steigen Sie ein, die Fahrt fährt, Pferd freut (dschubidubidub), zurückgesessen!
Flockiger Umzug regeneriert die Zeit. Klimpöses Klavier forciert Klimmbimm.
Da!, - ein Banjo, trifft genau den Sound, wie das Mahall ins Rohr gackert: Spalten,
Klaff und Kraftstrom (auf laut). Takase treibt honky honky, Dschingderassa ihr
Quetschkomödchen. Zartschmelzender Klang das, feierliche Gärtnerei.
Zentrifugentiere in Oberhitze halten Lasten, die dennoch steigen! So dick ist
beinahe einhundertjährige Volksmusik! Da!, - das Banjo schäkert cheesy,
Vegetablishment! Wenn eine Band den Namen ‚Fernseher’ verdient, dann
diese. Oder anders gewendet: es fällt auf, wie farbig ein Schwarz-Weiß-Film
sein kann, war oder gewesen sein muss. Endlich ins Sächsische angeschwemmtes
Mississippi-Delta, Drehorgel im 21.Jahrhundert, Strohklavier und Circus.
Ebenso enzyklopädisch wie verrückt erscheint die Aufgabe, das Gesamtwerk
von Thelonious Monk sich anzueignen und an einem Abend aufzuführen. Genau
dies macht Schlippenbach mit der ‚Enttäuschung’. Vom Feinsten.
Tanzmusik auch. Am Besten sperrig, so dass rhythmische Berserkerung ficht. Mahall
ist dabei echt hitzig hitzig und gut gelaunt. Während des 2.Sets dämmert
einem auf, zu welch sportlichem Unterfangen die da auf der Bühne zusammengekommen
sind. Die Arrangements sind jux und komplex. Jan Roder (bs) und Uli Jenneßen
(dr), ungebändigt, bundreines Bündnis dieser Band, können meisterhaft
langsamer und schneller werden. So sehr diese Truppe Monks Musik in ihre eigene
verwandelt, so stark differiert ihr Klang intern: Mahall federt eben zum Solo
hervor, heizt schlagadernd und endet als Ganzkörperfigur, während Axel
Dörner eine strenge, klassisch-gediegene Trompete bläst. Dabei werden
sie alle noch nach Stunden immer besser und strotzen. Indes muss sich Dörner
nicht übermütig ans Klavier setzen - oder Schlippenbach vor die Trompete
stellen -, aber man merkt daran, dass sie Musik machen. Darüber hinaus wird
das Konzert zur Performanz: Wer 70 Monks spielt, darf eben auch seinem solierenden
Bassisten ein Becken unter den wippenden Fuß werfen, wie es Jenneßen
macht – zugleich dämpft er seine Toms mit den Füßen ab.
Nach über 3 Stunden Spielzeit (eine Dauer wie beim späten Feldman)
entziehen die Musiker dem Veranstaltungsort das Licht, setzen sich ins Publikum,
legen sich vor die Bassdrum oder benutzen einen roten Gummiball als Schlagzeug.
Bekanntlich präpariert Mahall seine Klarinette mit Wasser. Monk selbst soll
ja Ähnliches gern gemacht haben und wurde auch schon mit einem Salatblatt
im Knopfloch erwischt. Letztlich nahm uns die Musik dieser Konzertreihe mit an
die Grenzen der Erkenntnis, ihr Niveau reichte damit an die Welt.
(Erschienen
in: Jazzzeitung, April 2004
[TOP] [HOME]
|