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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Musik-Zeit
2003 (Angelsächsisches in Sachsen) (Leipzig 2003)
Ein
Lächelnder betritt die Bühne. Neben seiner dunklen
Kleidung trägt er eine Klarinette. Es ist ein Schamane.
Ihm erklingt ein Ton: Und die Zeit beginnt von woanders her zu
fließen. Es scheint als seien in diesem dämmrigen
Licht nur Eingeweihte aufgetaucht. Wir sind in der Höhle
einer Großstadt: die naTo ist ein kultureller Geheimplatz.
Tim Hodgkinson hat immer noch keinen weiteren Ton gespielt. Jetzt spaltet sich
ein Klang und der Bauch kommt hinzu. Dieser Introitus zum Konzert hat für
Minuten etwas Nächtliches, Einsames. Hodgkinson hat den Ort eines anderen
Kontinents mitten nach Deutschland geholt. Vielleicht einen anderen Atem.
Bald darauf nimmt der nicht lächelnde Schlagzeuger Platz, rückt, verrückt.
Rappelpappel, sagt es. Wir sind im Kind. Er spielt das Schlagzeug und dabei magische
Zeit. Beschwört die Luft. Wir geraten in einen Strom, und doch kommt alles
von ihm: Ken Hyder. Ehrfurcht vor dem Nachklang.
Da, eine Stimme hinterm Vorhang. Ganz langsam bewegt sie sich. Ein großer
Barfüßiger hält sich gebückt, bricht beinahe und kniet.
Nik Galen verbeugt sich vor uns. Er presst Klänge aus seiner Kehle, in die
klagend alles hineingezogen wird. Die Menschheit scheint konzentriert, indem
die Luft aus seiner Brust entweicht. Dieser Londoner öffnet uns, er zittert,
verhaucht.
Hyder und Hodgkinson im Duo benutzen weitgehend konventionelles Instrumentarium.
Das Hi-Hat ist gerade mal mit einem Glöckchen behängt. Ihr Spiel dringt
in die Zwischenräume, gibt dem Licht, was sonst keine Chance hat, sich zu
zeigen. The Shams sind meisterhaft in Form. Sie machen klare Aussagen, besitzen
eine eigene Gestik. Ihr Schöpfen von Klängen ist ,Entbildung’ (Meister
Eckart). Sie können etwas erkennen und haben Freude. Die eigene Ekstase
und das runde Schlagzeug. Archaische Landschaften, Schlaf und Indianer finden
sich ein.
Nik Galen steht auf, zieht sein Shirt gerade, streckt sich und – ist verlassen.
Ein Tier, der Mensch zu Beginn. Seine Ursprache ist voller Charakter, aller Schmerzen
und Sehnsucht. Aus dieser Stimme brechen nie vernommene Sinn-Gewalten. Galen
hat etwas zu sagen. Er hat es gelernt sich auszudrücken.
Uns wird klar: Dieser Mensch kommt zu sich selbst. Das moderne Publikum zahlt
dafür und kann sich dann vom Kosmos erzählen lassen, ohne ein bekanntes
Wort hören zu müssen. Wir finden aus der ,Geworfenheit’ (Heidegger)
zurück. Musik wird zur Meditation. Wir gelangen zum Eigentlichen, in die
Heimat. The Shams. Sie können uns verzaubern in die Zeit zu rücken.
Galen verschwindet, seine Sprache ist versiegt. Die PA rauscht wieder.
Unter der Leitung von Bert Noglik veranstaltete der Leipziger Jazzclub an diesem
Wochenende ein kleines Festival, welches ausgewählte Kombinationen der britischen
Avantgard Free Jazz Experimental-Szene zeigte.
Neben The Shams mit Nik Galen, The Remote Viewers war auch die Formation Trap
Street zu hören. Das geht dann so: Alan Tomlinson spricht uns an. Roger
Turner kracht. Steve Beresford kommt mit seinem Rucksack herein, dann dreht er
und schraubt. Eine komische Herrschaft beginnt. Schnell tanzt alles in dieser
kleinen Welt. Die drei seltsamen, englischen Herren lassen sie wachsen. Unwichtig
wohin. Wir sind ahnungslos – etwa woher sie gekommen ist.
Das Einbeziehen von Alltagsgegenständen, Plastik und Spielzeugen in das
zeitgenössische Musizieren hat mittlerweile eine eigene Tradition entwickelt.
Für den Zuhörer ist es oft nicht einfach, von der Trivialität
dieser eigentlich nicht kunstwürdigen Gegenstände zu abstrahieren und
die erzeugten Klänge als Musik wahrzunehmen, das heißt die Klangbilder
als Totalität, als autonome Kunstwerke aufzufassen. Es zeigt sich: Augen
zu schließen lohnt sich noch immer. Dann kommt Rumoren (Tomlinson), hardrockender
Gabelschmerz (Turner) und schreifende weite Felder mit Rukschkelmond am Morgen
(Beresford) voran neuer Wesen klappermühlender Gespenster. Die Musik wird
pittoresk, die Klänge witzig. Dabei genügt das Trio den Forderungen
jedes futuristischen Manifestes: Ein Hinschmettern und Wegfeuern. Straßenbahnen:
verfahren sich. Posaunentöne: rasen Geschosse.
Räume gewaltiger Tiefe öffnen sich. In ihnen sind Knachsen von Schallplatten
und Feuergeknister zu Ungewitter fremder Planeten verbunden. Da, endlich, nur
die Snare.
Als Sticks werden Trinkhalme benutzt, die denen an der Bar sehr ähnlich
sehen. Sie rühren im Hi-Hat. Gemurmel, Geraschel, Rapeng. Turner packt die
Klangstäbe eines Windspiels ein, er kann aber damit nicht umgehen. Als plötzlich
jemand ungeniert telefoniert ist das O.K., wenn jemand lacht ist es angenehm.
Ein Sitz knarrt.
Den eigentlichen Reiz dieses Trios macht die Doppelbödigkeit von konkreter
Erscheinung und autonomen, das heißt abstrakt-künstlerischem, Sinn
aus.
Trap Street ist selten lyrisch, sondern produziert gefahrvolle Sperrigkeit. Das
Prinzip einer tumultuarischen Konferenz (EUPHORIUM_freakestra) scheint ihnen
vertraut: Zerrissene Ausgänge und berstige Posaune; und dann schickt Beresford
mit seinen Elektronics die Posaunenklänge in den Hall weiterer Raumschichten.
(Erschienen
in Jazzzeitung, Oktober 2003)
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