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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Matrix
(Mit globalem Blick auf Rares und Etabliertes) (Leipzig
2003)
Stacheldraht
ist hierzulande ästhetisch, die Konzerte unsere Versicherung
des Friedens. Dort: Ziegen haben die Herrschaft übernommen,
staksen gemächlich durch die Ödnis. Niemandsland zwischen
Militärparade und Gameboy. Bilder der ersten Szenerie aus
dem geteilten Zypern. Absperrband gibt es auch bei diesem mitunter
bizarren Festival für zeitgenössische Musik. Nicht
ganz zufällig, denn Neue Musik ist Kunst und bleibt ein
Eigenes. Individualität ist verknüpft mit dem Besitz,
Matrix ein fruchtbares Gewebe.
Mikrofone, Lautsprecher, Schein- werfer, Mischpult, Projektor, Laptop und Kabel
sind Dinge der zweiten Szenerie (auch sie ein Mutterboden). Es scheint eine gelungene
Bevölkerung des Raumes. Zwei Kameras observieren die Vorstellung, machen
es dem Publikum gleich: Kunst als bespanntes Revier.
In der Verlängerung des Absperrbandes befindet sich ein Weg, als dessen
Konsequenz eine Maultrommel aufgelegt ist: der Stacheldraht. Péter Köszeghys
Aktion „Zaun“ (Pieta) ist wie er selbst dick befrachtet (Viel nackte
Haut wurde versprochen, ein großer Bauch ist da, blau angeleuchtet). Das
Rauschen der PA hebt an, ein technisches Problem wird gelöst, ein digitaler
Zeigefinger erscheint auf der Wand, die Klänge des primitiven Instrumentes
werden elektronisch verzerrt. Mit dem Stacheldraht im Konzertsaal ist dies durch
TV und Foto längst geschehen.
Ganz weich im Wind dagegen Yoshihisa Tairas „Synchronie“ für
zwei Flöten. Ein asiatischer Atem, vital und virtuos. Verbunden ist die
Sprache der Natur mit der des Menschen. Die Flöte ist Instrument dieser
Meditation.
Auch Sergej Newski hat komponiert. Titus Engel und das Ensemble Courage wissen,
wie seine „Figuren im Gras“ moduliert werden müssen. Ganz spärlich
und vollkommen dynamisch. Absturz oder Zug, immer an der Grenze. Alles muss verschoben
werden.
Als Köszeghy wiederkommt, gibt er „Sexus-Nexus-Plexus“. Er selbst
bezeichnet sich als gesellschaftskritischen Klangkünstler grenzüberschreitender
Hörerlebnisse und soll nach dem Willen der Festivalmacher zur Verhandlung
der Erotik beitragen. Mit weißem Tuch und orangenem Plastikeimer behängt,
irrt er in die Mitte des Saales. Reißt, schmiert rotfärbend, geht
zum Notenpult und beginnt zu grunzen. Ein Lehrstück für die Verpackung
eines Schreies. Es klingt nach Krieg, dabei ist Frieden ausgebreitet. Wenn ein
Künstler schreit, verblutet keine Welt (nur noch angemalt möglich).
Statt herzkranker Haft Kapital zum ausdefinierten Saft (für Tonband).
Wie auch der Abschluss des Herbstfestivals für klingende Kunst am 5. Dezember
zeigte, war die Veranstaltungsreihe durchgehend vor allem von der Schnittstelle
zwischen Musik und Medienkunst inspiriert. Bei Konzerten, Installationen, Soundscapes
und Ausstellungen wurden mit den Motiven nature, home, erotic, east und religion über
acht Wochen und an verschiedenen Orten verzahnende und kontextuierende Hintergründe
für die Wahrnehmung von Kunst angeboten. Dabei gelang dem künstlerischen
Leiter Thomas C. Heyde ein multiperspektivisches Spektrum. Mit globalem Blick
auf Etabliertes und Rares (Lachenmann, Gubaidulina, Ikromova) gleichermaßen,
Einladung für radikale Grenzgänger (Nicolai, Cortes) sowie Reminiszenz
an das reiche sächsische Fundus (Ensemble Courage, F.Schenker, B.Franke)
ist ihm und dem Forum für zeitgenössische Musik Leipzig eine wundervolle
Ausstaffierung des dichten künstlerischen Horizontes gelungen und eine mutstraffe
Position glücklich bezogen. Wer wagt, gerät.
(Erschienen
in: Neue Musikzeitung, Februar 2004)
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