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EUPHORIUM Magazine.

Independent Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.

KlangRausch 2005: BreitSaite (Juli 2005, Leipzig)

Innenklavier, 16 kg, Stahlschwämme, Wäscheklammer, Gabel, Mischpulte, Motörchen. Von Andrea Neumann, der einzigartigen Pianisten, hat man in letzter Zeit viel gehört. Zum Glück! Steffen Schleiermacher schafft es immer wieder einen KlangRausch zu Füßen des MDR-Musiksommers zu produzieren. Die diesjährige Auflage ist den Saiten gewidmet.
Andrea Neumann spielt also ihre Stücke,„lant“ und „mauchs“. Die Berlinerin arbeitet in einem zarten Gefühl leiser Linden, ermöglicht reduziertes Sitzen resp. Grundscheiden, erarbeitet Grunz souverän. Zarte Noisetupfer, Fllpps, Fhh/break. Sie tanzt genüsslich, schwebt innen, auch wenn mittendrin ein Feedback katastrophiert.
Elegant im Anschluss die von Schleiermacher selbst zusammen mit Josef Christof gegebene „Music for Piano“. Es ist der Schöne-Fluss-Cage. Nach einem schlechten Start gelingt es auch Wilhelm Bruck und Theodor Ross Lachenmanns immerhin 26-minütiges „Salut für Caudwell“ für zwei Gitarren beeindruckend, ja betörend vorzuspielen. Das Stück lebt von der leicht versetzten Symmetrie der beiden gleichberechtigten Stimmen. Damit erinnert es an die „Leipziger Koschmahr“-Begegnung eines Friedrich Kettlitz und Guillaume Maupin.
Das vierte Streichquartett Giacinto Scelsis ist ein hoch konzentriertes Stück, das Leipziger Streichquartett verleiht ihm Intensität. Gleich die ersten Verdichtungs- und Entspannungsphasen wirken sehr meditativ und klingen nach dem neuen Lieblingsstück. Es ist ausgesprochen dramatisch, Scelsi bietet fesselnde Interaktionen. Aus dem Continuum treten vibrierende Zacken oder Zupfpunkte hervor, verschieben sich die von den Musikern erspielten Sphären gegen- und ineinander. Ein Adlig-Melodiöses - wie das Krönungszeugnis einiger Quallen schräg unterm Horizont von Venedig. Letztlich zeigen sich die Streicher dem Ohr wie eine hochsensible Komposition elektronischer Klänge.
Wer es sich leisten kann, sollte das Leipziger Streichquartett zur Aufführung je einer Webern’sche Bagatelle zur musikalischen Begleitung des Verzehrs eines Frühstückseis an sechs verfrühten Wintermorgen bitten. Das angekündigte Schenker-Stück fällt aus. Der bärtige Komponist schickte die Noten zu spät ab. Dafür gibt es das Streichquartett aus dem Jahre 1964 von Witold Lutoslawski. Bereits Hölzer stehen auf der Bühne von Erwin Stache. Ihm haben wir schon die im Eingangsbereich aufgestellt Murmelzither zu danken.
Stache ist zweifelsohne mit einer bemerkenswerten Erfindungsgabe ausgestattet. Als Klangkünstler bringt er gerne seine Kids vom Gymnasium Brandis mit. Sie führen ein Stück mit dem in musikalischen Zusammenhängen so oder so ähnlich inflationär verwendeten Titel „InSait – OutSait“ auf und sind uniform Schwarz gekleidet. Ein(e) jede(r) trägt und spielt das gleiche Instrument. Alle spuren dem lehrmeisterlich wirkenden Stache, marschieren. Manchmal kann man sich da dem Gedanken an eine Mischung von westdeutscher Reformschule und schlechter Sekte nicht erwähren. Wo bleibt der Weihrauch? Vielleicht kann man auch anders eine junge Generation der Neue-Musik-Begeisterung bilden. Da kommt wirklich kein guter Film auf! Nur die doppelt-gestrichene Schlussschaukel darf in keinem bruitistischen Manifest fehlen. Und das bei Materialkosten unter Hundert Euro.

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