| |
HOME | MAGAZINE
EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Jazz
em Agosto 2005 (August 2005, Lissabon)
Rui Neves,
ein sehr entspannter, wacher Greis hat für das
portugiesische Jazzfestival ein beachtliches Programm zusammengestellt.
So spielt am Eröffnungsabend im Amphitheater das legendäre
Globe Unity Orchestra, welches man am besten neben Uschi Brüning
sitzend erlebt. Das GUO gibt dem verstorbenen Albert Mangelsdorff
zu Ehren seine Kakophonie für fast zwei Stunden. Kern des
11-köpfigen GUO ist das Schlippenbach-Trio, welches am nächsten
Tag kompromisslos-solide seine abstrakte Vitalität unter Beweis
stellt.
Schlippenbach gibt traditionell den ersten Akkord. Dann ist es
ungeheuer interessant einige der wichtigsten Stimmen der Freejazz-Welt
vereint zu sehen: Von Anfang
an ist es Mahall - laut Fredric Ljungkvist der beste Bassklarinettist der Welt
-, der äußerst agil die Musik durchzieht. Er legt sich schon mal selbst
eine Basslinie vor, um dann darüber zu improvisieren. Die beiden Neuzugänge
- neben Mahall der kräftige Cappozzo – erweisen sich als sehr ergiebig.
Cappozzo spielt eine kleinteilige Trompete, beeinflusst bei seinem Solo den Sound
der Band merklich, weckt andere Klänge. Auch Paul Rutherford, erklärter
Kommunist und DDR-Liebhaber – vor allem aus beruflichen Gründen -
gelingt es, bei seinem Solo mit tiefer Stimme das Tempo der Band, die ansonsten
immer unbändig losprustet, rauszunehmen. Während Gerd Dudek, Evan Parker
und Manfred Schoof nicht weiter auffallen, musiziert Hannes Bauer durchgehend
stark; was er von sich gibt ist hieb- und stichfest. Bei Ernst-Ludwig Petrowsky
brausen die Töne in seinem Alt quengelig hoch, dahin wo die Luft dünn
wird. Er setzt sich einfach von oben wild und schneller auf die Band, zieht und
dehnt die Töne, pfeift ganz weit vorne. Und Schlippenbach – versteht
sich – klingt immer gut, wenn er nicht gerade zu leise ist.
Eine wunderbar filigrane Kammermusik wird produziert: Bassist Bruno Chevillon
handhabt Präparationsmaterialien wie Stricknadeln, hölzerne Wäscheklammern
und einen runden Plastikmassageschwamm. Er reibt und kreist, akzentuiert bewegt-hampelnd,
pustet. Chevillon ist jemand, der mit dem ganzen Körper musiziert, so dass
die Töne nicht anders können als zu tanzen. Mit dem Klarinettisten
Jean-Marc Foltz arbeitet er konzentriert an Strukturen. Die schönste Musik
gelingt, als Foltz mit dem Rücken auf dem Boden liegend ein Zirkular-Britzeln
erzeugt und Chevillon mit zwei Bögen am Steg so streicht, wie Hall im All
verklingt.
Die Bläserfraktion von Gebhard Ullmanns Fun Horns arbeitet anders als die
vom GUO. Es herrscht einiges studentisches Flair, sogar der Frauenanteil ist
verhältnismäßig hoch. Sie versuchen die Musik etwas zu systematisieren,
das ist gut. Sie bleiben aber albern und humorlos.
Ein Trompetentrio ist selten der Fall. Da ist wieder Cappozzo (2 Dämpfer),
der erfreulich infantil wirkt. Als Autodidakt sagt er: „Ich weiß nichts über
Musik, aber ich finde sie interessant.“ Da ist Axel Dörner (5 Dämpfer):
stringent, mit allen Wassern gewaschen, rational, sein Ton hat das komplexeste
Bouquet und immer eine perfekte Kontur, er verfügt über eine beeindruckende
Technik ohne je sportlich zu sein. Schließlich Herb Robertson (9 Dämpfer):
ausgelassen, erfahren, einfallsreich, spielerisch, laut, dreckig-plautzig. Wo
Dörner längst auf höchstem Niveau multistilistisch ausgebildet
ist, scheint Robertson einer Generation anzugehören, die mit dem Material
experimentiert.
Irène Schweizers Duo mit Pierre Favre ist wirklich gut. Favre gibt der
Pianistin offensichtlich das richtige Maß an Geborgenheit und Raum zum
freien Phantasieren, wobei diese sich harmonisch und rhythmisch immer voll im
Klaren ist. Ihr Zusammenspiel produziert im großen Saal sicher und akkurat
eine beinahe gespenstische Stimmung. Für einen großartigen Abschluss
des Wochenendes sorgt das skandinavische Atomic (u.a. mit Paal Nilssen-Love),
cool und fit. Energetisch-druckvoller kann ein klassisch besetztes Quintett nicht
spielen. Zackig-clevere Arrangements und peppige Solisten sorgen für gute
Unterhaltung. Mit ihrer Definition von zeitgenössischem Bop sind sie eine
ernste Konkurrenz zu Monks Casino. Darüber freut sich auch Axel Dörner.
(Erschienen in: Jazzzeitung, November 2005)
[TOP] [HOME]
|