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EUPHORIUM Magazine.

Independent Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.

HeimatModerne (Zeitgenössische Musik und urbaner Raum) (2005, Leipzig)

Als in Leipzig mehrere Kulturinstitutionen eine große „Experimentale“ verabredeten, war auch Thomas Christoph Heyde dabei und kuratierte vorbildlich ein Forum für zeitgenössische Musik in Leipzig, besetzte es international.
Das Konzept des Festivals „Heimat, Moderne“ berücksichtigt Städtebauliches. Dementsprechend findet der Veranstaltungsabend am 4. Juni im Ring-Cafè, der ehemaligen Begegnungsstätte eines riesigen stalinistischen Gebäudes im Zentrum, statt. Dieses aus den 50ern stammende Ambiente überrascht, die Neubelebung gelingt und erfreut. Wie viele wissen, liegt dem künstlerischen Leiter Heyde bei der Präsentation neuer Musik die Berücksichtigung besonderer elektronischer Formen sehr am Herzen. Ihm ist es zu verdanken, dass sich Guido Hübner und Samuel Leviton an einer zentralen Arbeitsplatte gegenüber sitzen und als „Synthetisches Mischgewebe“ eine Schar elektronischer Getriebe, Kleinstmotoren und skurrile Alltagsdinge in Bewegung setzen. Das Duo verfügt tatsächlich über Gesprächsqualitäten. Um das sensible Klanglabor gruppieren sich die Hörer kreisförmig. Bernd Franke und Barbara Steiner wesen an, aber Luigi Russolo fehlt. Dabei wirkt das Ganze wie Schach für elektrisch-musische Köpfe und Gerät: Mini-Knistern, verschiedene Rauschsequenzen, Schaben, Schnüffelschweine, Gräser, Möhren, Handnähmaschine & Sternschnuppen, Uhren, Vegetationszonen, Lautsprecher an Plastikschüssel, Knirsche. Ein schöner Zeitvertreib. Es entsteht eine ganz und gar nicht überfrachtete Situation, in der auch das Publikum entspannen kann. Gegenwärtiger Geist wird deutlich spürbar. Das ist eine gut eingerichtete Gemeinschaft, völlig unverkrampft. Einzig irritierend ist, dass die Musiker öfters abzuwarten scheinen, beinahe gelangweilt. Ja ehrlich, richtige Dynamik kommt nicht auf!
Dann werden die unteren Tasten eines elektronischen Kofferharmoniums festgeklebt. Hübner hockt also auf dem Boden und erzeugt mit kleinem Mischpult und Effektgeräten die Begleitung für Klaus-Peter John. Der Vierziger mit grauen Haaren demonstriert die Fähigkeit, sich in einen Zustand absoluter Bedrängnis zu versetzen und weiß dies in ein Mikrophon primitiv zu verlautbaren. Das haben wir aber schon einmal besser gesehen. Dem kleinen Jungen, seinem Sohn, kann das offensichtlich auch nicht zugemutet werden. Er wird von der Frau hinaus geschafft.
Am Tag danach, hält Francisco Lopez, was er verspricht. Wir lassen das Volk am Stadtfest-Rummel tummeln und ziehen uns in den Keller der Oper zurück, das Licht wird gelöscht. Der Musiker nimmt sich die nächste Zeit, um mit elektronischem Hilfsgerät den Klang von Fahrstühlen voll auszufahren. Diese klingen dann wie eine Sommerwiese oder wie eine im Bergwerk arbeitende, windige Höllenmaschine. Es zeigt sich wieder schön, dass der Mensch, wenn er Wirkliches auf bestimmte sinnliche Momente reduziert, gewaltige, reiche und intensive virtuelle Räume schafft. Gerne hätten diese 40 Minuten um ein vielfaches länger dauern können.
Weniger Spannendes überträgt der Mitteldeutsche Rundfunk. Am 19. Juni ist es warm am Augustusplatz: Jetzt baden Kinder vor der Oper und springen in den Brunnen. Im sehr unterkühlten Foyer des pompösen Hauses ist eine Diskussion über „Heimat“ im Gang, eine Hanns Eisler Werkschau darin eingebettet. Stefanie Wüst singt. Ihre erotische Klasse erringt gegen ihren leblos-hypnotisiert wirkenden Blick letztlich doch die Oberhand.
Vor dem neuen Bildermuseum laufen wieder junge Helfer von Erwin Stache umher. Sie sind Gymnasiasten aus Brandis und bedienen kleine elektronische Klangerzeuger. Diese werden auf Geheiß des Komponisten, der die Maschinensprache spricht und genau weiß wo ein Mikrochip musikalisch hingehört, von Klacken auf Summen umgestellt. Die Installation mit dem Titel „73,8 Kilo-Ohm“ ist an einem letzten warmen Sonntagabend im August eröffnet. Drei Klanginseln bestehen aus mehreren senkrecht in den Raum ragenden Edelstahl-Stangen. Diese werden von Menschen angefasst, Strom fließt. So werden Samples angesteuert, moduliert und verstärkt. Mit beliebigen Körperteilen kann man dann wie Cecil Taylor oder John Cage spielen. Damit hat Stache interessante Synthesizer für Park- und Staatsanlagen konstruiert. Zudem denkt er sie noch weiter in den urbanen Raum hinein: Alle Metallstreben könnten die Menschen mit einer Berührung in Schwingung versetzen, etwa das ganze Gerüst des neuen Bildermuseums. Der Ausbau dieser Installation zum Klettergerüst ist sehr zu empfehlen.
Am 9. September findet das sich Monate lang erstreckende Festival „Heimat, Moderne“ in einer Freiluftinszenierung an den blau-weißen Wohnquadern am Brühl seinen Höhepunkt und Abschluss. Das Forum-Ensemble führt das begehbare Konzert „Breitengrad Leipzig“ auf, welches die 44-jährige schweizerische Komponistin Mela Meierhans diesem speziellen Ort zugemessen hat. Pittoreske Details zwischen den sich bewegenden Musiker, rezitierten Texten und installierten Zuspielbändern samt lebendigem Rohstoff für ungarische Salami wirken sinnlich aufregend und faszinierend. Der intellektuelle Anspruch des Werkes besteht indes darin, sich sowohl mit der Musik Richard Wagners, dessen Geburtshaus einst an dieser Stelle stand, auseinanderzusetzen, ihn als Sohn einer Leipziger Moderne auszuweisen, als auch die Möglichkeit eines heimatlichen Breitengrads als Schnittstelle zwischen historischen Formen und ihrer zeitgenössischen Repräsentation zu entwerfen.
Noch im September lieferte Heyde dann einen Kontrapunkt zur musikalischen Bespielung des urbanen Leipziger Zentrums. Unter dem Titel „[zwischengrün]“ konzipierte er dort, wo Landschaft in die Stadt ragt, ein weiteres spannendes Programm zeitgenössisch komponierter Musik.

(Gekürzt erschienen in: Neue Musikzeitung, November 2005)

 

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