| |
HOME | MAGAZINE
EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Globe
Unity Orchestra & King Übü Örchestrü (Horizontal
- Vertikal)
Die
Neuigkeit ist gleichzeitig eine gute Nachricht: In diesem Jahr
gibt das legendäre Globe Unity Orchestra wieder ein Konzert.
Am 5. August ist das von jeher europäisch dimensionierte
Großprojekt der improvisierten Musik zum Festival in Lissabon
zu erleben. Die GUO-Premiere in Portugal sind zwei jüngere
Musiker: Zum einen der hierzulande weniger bekannte französische
Trompeter Jean-Luc Capozzo und Rudi Mahall, der kontrastierend
zu dem recht zahm gewordenen Altmeister Manfred Schoof zum ersten
Mal die Sprengkraft seiner Bassklarinette in einem solchen Rahmen
ausschöpfen wird. Nicht nur die Trompete ist doppelt besetzt.
Mit Paul Rutherford und Johannes Bauer beziehungsweise Paul Lovens
und Paul Lytton auch Posaune und Schlagzeug. Schließlich – und
das ist beim Globe Unity Standard der Fall – werden mit
Evan Parker, Gerd Dudek und Ernst-Ludwig Petrowsky, drei bewährte
Saxophonisten, zum Einsatz kommen.
Das GUO, welches Ende der 60er-Jahre den Sturm des Free Jazz in Europa wesentlich
mitgestaltete, ist so alt, dass mehrjährige Pausen keine Seltenheit sind.
Mittlerweile ist das 20-jährige Jubiläum schon wieder fast 20 Jahre
her. Und Leiter Alexander von Schlippenbach ist immerhin in den 30er-Jahren des
vorigen Jahrhunderts geboren. Auf den insgesamt 17 eingespielten Tonträgern
wirkten über vierzig Musiker mit. Dabei ist das Motto des großen Ensembles
von der Idee einer globalen musikalischen Sprache getragen, welche eine hierarchiefreie
Einheit unter Menschen herzustellen vermag. Und in der Tat ist es beeindruckend,
wie lebendig diese Frühzeit des Free Jazz auch heute noch ist. Die letzte – 2002
live und in einem Stück aufgenommene und bei Patrik Landolt’s Intakt
verlegte – Platte zeigt in erstaunlicher Weise, welch loser Fügung
sich diese alten Männer genussvoll hingeben. Da fesselt das GUO immer noch
durch seine Unbändigkeit. Es besitzt – zusammengenommen – eine
berstende Potenz, agiert unter den Vorzeichen eines maßlosen Impetus, drängt
sich mitunter großspurig auf und erscheint irgendwann wie ein grober Sturm.
Ein Glück, dass in dieser Situation (historisch) das King Übü Örchestrü aufgetreten
ist und immer noch (aktuell) auftreten kann. Die Musikgeschichtsschreibung hat
Wolfgang Fuchs zu danken, dass er für eine neue Sensibilität im Spiel
eines großen Improvisationsensembles gesorgt hat. Beim jüngeren KÜÖ herrscht
ein Interesse an der sparsamen Verwendung von Klängen vor. So betört
das KÜÖ durch seine zarten Glieder, erreicht seine Filigranität
durch Konzentration. Ein ganzes Ensemble folgt einem wunderbaren reduktionistischen
Spürsinn, wie es etwa ein Urs Leimgruber bei seinen Solokonzerten gelingt.
Auch die Konzerte vom King Übü Örchestrü, welches wie Globe
Unity durch und durch europäisch besetzt ist, sind rar. Das letzte fand
2003 beim „Total Music Meeting“ in Berlin statt. Eine Aufzeichnung
dessen – hat Helma Schleif auf FMP, dem eigentlichen Stammhaus vom GUO,
kürzlich der Öffentlichkeit vorgelegt. Auch hier konnte das KÜÖ im
Kollektiv ein Kontinuum aktivieren, welches den individuellen Spieler im Gesamtklang
zu verzahnen, einzuspannen weiß, während das GUO weiterhin das Konzept
vom Solo-Spiel beansprucht, so dass man nacheinander zwei Saxophonisten erleben
kann: den expressiv-beschwörenden Peter Brötzmann und die Schlängelei
eines E.-L. Petrowsky. Während Wolfgang Fuchs ein dichtes Gewebe aus kleinteiligem
Miteinander entstehen lässt, das Ensemble mit vertikalen Mikrostrukturen
arbeitet, entlässt Schlippenbach und Co. ein horizontales Getöse. Nur
Schlagzeuger Paul Lytton ist Teilnehmer an beiden Konzepten.
(Erschienen
in: Jazzzeitung, Juli 2005)
[TOP] [HOME]
|