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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Festival
Frei Improvisierter Musik 2005 (Eine silberne Aura über
dem Plattenteller am Klavier) (22-25
September 2005, Dresden)
Der
erste Teil der diesjährigen Ausgabe vom „Festival
Frei Improvisierter Musik“ beginnt. Das Dresdner Trio ist
mit dem einfallsreichen wie disziplinierten Chris Weinheimer
an Bassquerflöte und Geige, Hain Schwijker, der Pianist
mit dem Charme einer Tante Ju, sowie Schlagzeuger Matthias Macht
als König der gebrochenen Schläge besetzt und spielt
an diesem Abend extrem minimalistisch. Ein digitales Screening
- mit einem Isidora-Demo-Patch erstellt - trägt sehr dazu
bei, die musikalischen Strukturen konsequent zu reduzieren. Unheimlich
inspirierend wirkt indes die Atmung eines Mannes, welche wie
eine klaffende Wunde im Kammermusiksaal der Blauen Fabrik dazwischen
hängt. Als das zehnköpfige „s. i. e.“ des
sehr geschätzten Andreas Nordheim aufspielt, findet man
sowohl Weinheimer als auch Schwijker wieder. Uwe Chrzibek fehlt.
Das Ensemble klingt ähnlich wie im letzten Jahr.
Die zweite Runde des „FFIM“ läutet Festivalleiter Günter
Heinz ein. Er kündigt zwei Duos an, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Zunächst agiert das Hartmut-Dorschner-Duo feat. Elan Pauer mit vollem Körpereinsatz
und Humor-Happening. Flügel und Saxophon werden weit aus den 60ern geholt,
Gitarrenkorpuskel vertanzt und zerschmettert, Alltagsgegenstände euphorisiert.
Ganz nah und konkret. Das Material wird in 15 kurzen Stücken strukturiert,
welche vielen Dresdner Kulturträgern – von Thomas Haufe bis Udo Zimmermann – gewidmet
sind. Dann fährt das in der Szene als „Das Gehirn Gottes oder Gegenteil
von Ray Charles“ bekannte Duo mit Erhard Hirt und Claus van Bebber fort.
Sie generieren sehr ernsthaft ein einziges nun völlig abstraktes Stück.
Ferne Welten, Reden stehender Dynamos werden hörbar. Eine silberne Aura
ersteht, Maschinenstaub dröhnt. Van Bebber spielt Platten ab, arbeitet als
DJ einer wirklich phantastischen Disco. 3 Plattenspieler, je ein Hammer. Und
Hirt, der Andrea Neumann der Gitarre, zeigt, wie man diese wirklich spielt. Es
ist das Paradies: Eine seiner Arbeitsstunden, und sehr Schach für präparierte
Gitarre. Transmechanische Winde, Wegweiser eines neuen Bewusstseins, Hubschrauber
ohne Ende, Osmose aus Neuronenenergie. Atomkraft pur. Das E-Werk tanzt, das Universum
zirkuliert.
Das Finale wird zum einen von Chefa Alonso und Ute Völker bestritten. Beide
Frauen schaffen im Nu diese Atmosphäre von strahlender Kreativität
und Leichtigkeit. Eine malerische Qualität entsteht, als die Spanierin den
herrlichen kleinen Perkussionsbaum zum klingen bringt und die Wuppertalerin ein
tolles Akkordeon sensibel und souverän beherrscht. Zum anderen haben sich
Günter Heinz, Klaus Treuheit und Sue Schlotten eingefunden. Mit Posaune,
Cembalo und Cello ist dies eine barocke Besetzung, die einen äußerst
psychodelischen Klangraum modelliert. Schnell sind Duo und Trio zu einem bestechenden
Quintett vereint. Kurz bevor Dieter Altmann und Konrad Lindner in Motorradjacken
das ausgeliehenen Cembalo wieder abholen sagt Günter Heinz zu Recht: „Kommt
mal wieder in die Blaue Fabrik. Da könnt ihr was erleben.“
(Erschienen
in: Dresdner Neueste Nachrichten, 28 Oktober 2005)
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