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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Festival
Frei Improvisierter Musik 2004 (Dürfen die das?/ "Ja,
da geh'n die Augen auf!") (Dresden
2004)
„Man
lässt Dinge fallen und beobachtet sie“. Eine asiatische
Weisheit mag eine Einstellung zur Welt andeuten, die sich seit
etwa drei Jahrzehnten auch in Europas musikalischer Szene artikuliert.
Seit 1997 beherbergt das Dresdner Künstlerhaus „Die
Blaue Fabrik“ ein Festival für frei improvisierte
Musik. Gemessen an der Größe verwandter Veranstaltungen
in Berlin, Amsterdam und Zürich zeichnet sich das von Günter
Heinz in Dresden konzipierte Festival als ein Ort ausgesprochener
Intimität aus. So kam das Publikum am vergangenen Wochenendeden
Musikern und den von ihnen produzierten Klängen, so fremd
sie auch sein konnten, näher. Verschiedenste Formationen
waren eingeladen.
Am ersten Abend arbeitet das zehnköpfige „Sächsische Improvisations
Ensemble“ daran, sensible Klangkomplexe zu entwickeln, ohne dass die aufführenden
Musiker dem autoritären Diktum eines Komponisten unterliegen. Der Umschlag
suchender Unstimmen in den Bereich magisch-fesselnder Präsenz zauberhafter
Bilder gelingt dabei nicht ohne längere musikalische Anfahrtswege. Dann
rückt der Prozess in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Entwicklung wird
wieder ästhetisches Prinzip. Das Ensemble erklärt sich nicht durch
solistisch-virtuose Überflieger, sondern überzeugt als dynamische Gruppe.
Doch: Uwe Chrzibek fällt immer wieder ein. Seine Tuba bleibt mit Abstand
das gefährlichste Instrument. Am zweiten Abend nähert sich Ge-Suk Yeo
im Rauschen seltener Sender. Die aus Korea stammende Stimmkünstlerin formt
in ihrem Soloprogramm die Töne wie ein Bildhauer, von Händen unterstützt,
zu einem der schönsten abstrakten Gesänge. Als sei sie von Björk
verehrt! Als sei sie Lebemilch mit Sternenklausel! Gleich ordentlich spielt auch
das „Bremer Improvisationsquartett“ auf. Allen voran Hainer Wörmann:
Mit Joghurt-Becher, Bögen und Bürsten, runden Hölzern, harten
Drähten, Muscheln und Motoren präpariert er die Gitarre gut.
Aus Spanien sind Wade Matthews und Nilo Gallego gekommen. Sie verbringen ihre
Musik der Sorte kleinteilige Ruhe konsequent entlang einer minimalistischen Materialästhetik.
Es wird mitunter so still, dass einem das Herz in den Hals rutscht. Man fragt
sich: Dürfen die das? Und: Warum dürfen die das? Oder: Was dürfen
sie nicht? Zum Finale ist ein Dresdner Duo angesetzt. Schlagzeuglegende Prof.
Günter Sommer bringt den Festivalleiter Dr. Günter Heinz ganz schön
ins Schwitzen. Während Heinz ein- und ausposaunt, singt Sommer und groovt
auf seinen Fellen, pulsiert die Rhythmen weich und formt die Töne rund.
Der eine weiß Bescheid, macht und malt. Der Andere erklärt den Spaniern
eine Welttournee. Das Publikum ist bewegt, von Witz und Aufregung umkocht und
schreit. Das diesjährige „Festival Frei Improvisierter Musik“ hat
sich gelohnt.
(Erschienen
in: Dresdner Neueste Nachrichten, 29 September 2004; Jazzzeitung,
Oktober 2004; Musik in Sachsen, Januar 2005)
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