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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Ahornfelder
Musikfestival 2006
So
stellt man sich ein kleines Festival für zeitgenössische
Musik gern vor: Dicht umringt vom Publikum, von Scharen junger
Leute bieten ebenso junge Musiker kompromisslos individuell-eigenständige
Positionen in entspannt heimeliger Atmosphäre an. Nichts
ist verkopft. Das Publikum merkt sehr interessiert auf und genießt
leger. Das hat Alexander Schubert, Betreiber des Labels Ahornfelder,
im Verbund mit dem Klubhaus die naTo am 19. und 20. Januar in
Leipzig ermöglicht. Dabei setzte er, ohne sich verstellen
zu müssen, auf die attraktive Wirkung eines Hauches populärer
Jugendkultur und gewann. Zehn Beiträge, u.a. von Künstlern
aus Hamburg, Berlin, Leipzig und Crottendorf vermochten die Rolle
elektronischer Medien für gegenwärtige musikalische
Kreationen zu unterstreichen und die Ästhetik digitaler
Prozesse anschaulich darzustellen.
Am ersten Abend gibt es fünf Konzepte, deren maßgebliche Musiker schon äußerlich
Spannung erzeugen und ihren Instrumenten, Objekten und Utensilien an Sonderbarem
nicht nachstehen wollen. In einer gemütlichen Wohnstube gibt es Verkündigungen
am Meer in fünf Sets.
Zuerst spannt Marcus Obst als Droanement seine Klänge im Raum auf: Da gibt
es vielleicht einen Gulli, eine Autogarage, in der sehr präsent ein Anlasser
interruptus Fluss chemischer Stoffe erzeugt, und das in reiner Zeit. Kraftstoffe
stoßen, Leerlauf nimmt minimal zu. Obst arbeitet sehr strukturiert. Und
mit wunderbarem Herzen, wenn er etwa in Zeitlupe und einem angetäuschten
Sechziger-Jahre-Groove das Wimmern eines aussterbenden Dinosauriers einblendet.
Es ist eine angenehme Meditation in sang-wundemn Wind, webt wohnstiebsacht, wohnstiebwosund
vopinnich seßss. Hier entsteht ein postmoderner Vormärz mit der entsprechenden
elektronischen Vegetation, mit Lampions, Tapeten und Wellness-Garnitur. Kleine
Kreise Karottensaft bilden Octaven für ein entrückt-konsolidiertes
Bewusstsein, welches der Himmelszufuhr andächtig lauscht. Auf skurrile Weise
werden auch hier Globalisierung und Standortvor- oder nachteile diskutiert. Denn
ein weiteres Land, als der Erzgebirgler produziert, gibt es auch in Asien nicht.
Meisterhaft ist es ohnehin, ein Set in zwei langen Atemzügen zu vollführen.
Festivalmacher Alexander Schubert schließt ebenso subtil an und stellt
vier reizvolle Miniaturen vor. Er leistet ein ganzes Stück Arbeit, auch
wo er erst nur ein bisschen die Gitarre berührt. Denn zunehmend legt er
mehrere Spuren übereinander, setzt sie in Schleifen, verdichtet kleine Kitzbühl,
die sich zu einem bedepperten Rhythmus ordnen oder aufschaukeln. Seine Musik
ist dabei von dem Potential getragen, welches jeder großen Kunst innewohnt:
Sie weis unsere herkömmliche Vorstellung von den Dingen völlig neu
zusammenzusetzen. So sitzt man im Konzert nahe einem Gravitationszentrum, durch
welches fest gefügte Assoziationsmuster des Seins explodieren. Es wird einem
schwindlig, bis Schubert so ernst wie ironisch eine Schunkelgitarre zum Besten
gibt. Dann erkundet er wie alltägliche Trinkgläser jenseits ihrer Harmonikafunktion
klingen können, indem er sie microphoniert und damit einen subtil-filigranen
Chor aus Rückkopplungen erzeugt, die sich in der Seiten-Nebenhirnrinde spiegeln.
Eine Handvoll Kassettenrecorder werden in einer magisch beschwörenden Handlung
zwischen die Hörern gestellt. Ihre Tapes loten diesen Raum aus bzw. löten
ihm fluktuierende Geräuschlasuren ein. So wird Schaum und See im Wandern
eine konkrete Melodei. Anschließend bilden Christoph Reimann, Marc Torbohm
und Holger Zimmermann mit Laptop, E-Gitarre und Schlagzeug ein Tommorow Collective,
welches dem in diesem Namen innewohnenden Anspruch nur sehr bedingt entspricht.
Die drei Berliner spielen sehr verhalten, erzeugen reduzierte Gitarrenklänge,
die geloopt werden. O.K.. Aber das Schlagzeug ist etwas undeutlich und im Gesamten
entsteht lediglich ein digital ausgedünnter, aber nicht unangenehmer Jazzrock.
Da taut das ziemlich extrovertierte Friedrich-Kettlitz-Duo feat. Elan Pauer wichtig
auf, bringen frischen Wind. Eine direktere, physischere Musikalität, Bewegung.
Und schönes Zusammenspiel. Wie die Tasten flott die mit Blechen beinahe
vollständig belegten Saiten regen. Der Pianist, dessen Flügelpräparationen
in diesem Kontext wie ein Midi-Keyboard funktionieren, schwitzt mehr als alle
anderen Musiker des Festivals zusammen. Und die Kettlitz’sche Gitarre fährt
tiefe Wände, welche sich dank digitaler Aufspaltung einbeugen, dann kratzen,
grummeln, zischen. Unterhaltsam und der zeitgenössischen Improvisation mit
Ernst verpflichtet. An einen Klassiker der Musik des 20. Jahrhunderts orientiert
sich Andrew Pekler, Australier von Geburt, wohnhaft in Berlin. Er legt damit
Hallschichten weiterer Räume frei: Bitches Brew of Morty. D.h. Pekler dekonstruiert
Werke Morton Feldmans. Den Streicherklängen aus den Fünzigern legt
er Atemmasken an, dass manisch-düstere Winde entstehen. Türmt Pizzicato-loops
und verwendet dabei einen Sound, der clubtauglich, voll und rund ist. Zum Mitwippen
werden Beats generiert, Buchten eingeformt und relativ hart Phasen aneinander
gesetzt, die eine geschickt konstruierte Binnenstruktur aufweisen. Dabei scheint
die befremdliche Stimmung des Originals hie und da weiterhin durch.
Den zweiten Tag eröffnet nahr. Dahinter verbirgt sich der in Leipzig mit
seinen Alulatonserien öffentlich vorstellige Patrick Franke. Seine Musik
ist sehr transparent, so dass man still dasitzen kann und die verschiedensten
Klangqualitäten ohne Abstriche vernehmen mag. Zunächst schwellen ganz
zarte Rauschwolken an und ab, links, rechts, dann fallen in einer zweiten Ebene
Tropfen dazu, eine dritte Ebene repräsentiert einen Triangelklang usw. Alles
akustisch-körperlos. Dabei wirkt Franke, stehend, distanziert, unnahbar,
sein Blick in den Laptop-Monitor visionär. Das gute Gefühl baut sich
bei Trikband alias Patrick Amelung aus Berlin weiter auf. Er versucht eine andere
Lichtsituation und hat eigene Lautsprecher, seine persönlichen Schallwellen
erzeugenden Leckerbissen, mitgebracht und wahlweise auf der Bühne verteilt.
Sehr laborhaft hantiert Amelung mit einem Paukenschlägel, pocht hie und
da und arbeitet am Computer dazu. Fasst dies die Wahrnehmung einmal als absurdes
Schlagzeug, liegt das Bewusstsein richtig und ist hoch erfreut! Dumpf-knäckern,
spielerisch, pappig-humoresk; da färbt sich ein Hammondorgel-Verschnitt
herein und entwickelt seltsam verrückt ein funky flair. Faszinierend, wie
jede Musik ihren eigenen Raum etabliert und dadurch das Verhalten der Zuhörer
je differiert.
Als sinebag ist Festivalmacher Alexander Schubert noch einmal zu erleben, unterstützt
von Oliver Porschke an der zweiten Gitarre. Ein Geräusch hängt an der
Decke, mit Klebeband werden die Tasten eines Keyboards abgeklebt, weitere Störgeräusche
kultiviert, sowieso Zeit und auch wieder eine Orgel in Frage gestellt, Piep und
Raschel, ein binnenverkehrter Rhythmus, sanft und klein. Ein Daumenklavier, die
Liedchen vielleicht ein bisschen einfältig und läppisch, auf jeden
Fall sehr zurückhaltend. Auch der fließende Übergang zu einem
noise-orientierten Abschnitt mit sehr vielen Tönen vermag nicht so richtig
mitzureißen. Was der Schubert kann, ist basteln und kleine Szenen installieren.
So werden die Frequenzen mit einem niedlichen, selbst gewickelten Joystick moduliert
und Kaffee so gekocht, dass es musikalisch duftet. Mit Witz, manchmal bis tief
in alberne Mischungen hinein, arbeitet tonfang, der Hamburger Patrick Müller.
Er greift diesmal umfänglich auf vorproduzierte Tracks zurück, begleitet
diese, um deren Strukturen wohlwissend, akkurat mit der Gitarre, setzt aber auch
Glocken und einen Violinbogen geschickt ein, um bayrisches Liedgut und Sprachfetzen
zu sondern oder aufzureihen. Auch Frank Schültge, genannt Fs Blumm, ist
ein ausgebildeter Gitarrenspieler, der sein Instrument harmonisch und melodisch
flott zu zupfen weis. Sehr reizvoll ist es aber, vorher seine Behandlung einer
winzigen Spieluhr oder einem Windspiel zu verfolgen, nachzuvollziehen, wie er
daraus einen perkussiven Flitter mit elektronischem Hilfswerkzeug intelligent
bereitet. Als Blumm ein paar Tischtennisbälle fallen lässt und diese
dann auf der Bühne umher springen, hat er ihre entsprechenden Geräusche
schon aufgenommen und mit zwei Delay-Effektgeräten geloopt. Es ist so verblüffend,
dass man die weißen Springchen noch eine ganze Weile herumeiern sieht.
Seltsam wie selbstverständlich eingängige Arrangements, die durch einen
mitlaufenden MD-Ebene vervollständig und abgesichert werden mit konsequenter
Gitarrendekonstruktionen verbunden werden.
Der Abschluss bildet ein kribbeliges Sit-In zwischen Schuberts Wohnzimmerplantage
und dem Ahornfelderstudio mit Schubert, Kettlitz, Pauer, Müller und Amelung.
Die fünf stoßen und reiben ihre Klammern, Stäbe, Plingstellwerke
und Korkpullis zu optimistisch-nanophiler Wahrnehmungstendenz mit Soundkorpuskeln
zusammen. (Ausverkauft angekündigt, kam nur ein einziger Gast.)
In jedem Fall stellt man sich so ein Festival für zeitgenössische Musik
gern vor: Angenehme Größe, mit viel Feingefühl kuratiert. So
gelingt eine anspruchsvolle Alternative zu Mainstream und angestrengten ernsten
Musikszenen gleichermaßen, und doch mit starkem Aktualitätsbezug.
Das regt Intellekt und emotionales Empfinden an, ebenso Appetit: Gleichermaßen
Sofa für elektronischen Orangensaft mit Haut.
(Gekürzt
erschienen in: Neue Musikzeitung, März 2006)
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