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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
Evan
Parker, Alexander von Schlippenbach, Paul Lovens (Schlippenbach
Trio): Bauhaus
Dessau
90 Jahre Bauhaus - das Bauhaus steht.
40 Jahre Schlippenbach-Trio - das Schlippenbach-Trio spielt.
Herzlichen Glückwunsch! Das Schlippenbach-Trio spielt im Bauhaus.
Das historische Bauhaus ist bekannt dafür, wesentliche Beiträge
zur avantgardistischen Gestaltung im 20. Jahrhundert realisiert
zu haben. Wir befinden uns in der Aula jenes Gebäudes, welchem
der Architekt Walter Gropius Motive jener politischen und künstlerischen
Ansprüche einschrieb, die von uns als demokratisch und kubistisch
begriffen werden können. Zuvor unsere Situation im Foyer:
man kommt hinein und schaut im selben Moment wieder hinaus. Das
Gebäude entzieht sich beinahe unserem Blick. Es herrscht Transparenz.
Das Innere und das Äußere, Außenraum und Innenraum
greifen ineinander, durchdringen sich optisch. Dabei haben die
Bauherren Jahrhunderte lang Maurer engagiert, die möglichst
mit massiven Grenzen, die Bewohner schützten, vor wilden Tieren,
feindlich gesinnten Artgenossen und widrigen Witterungsbedingungen.
Der Mensch im 20. Jahrhundert kommt zu einem Selbstbewusstsein,
demnach er seiner Umwelt ästhetisch aufgeschlossen gegenübertritt,
nicht einmal mehr erschauernd wie noch zu Zeiten der Romantik.
Die Innenräume sind einsehbar! Jeder mündige Weimarer
Republikaner sollte in dieses Zentrum der Gestaltung von Gebrauchsobjekten
der Alltagswelt hineinsehen können! Die allseitige Durchdringung
der Räume, Durchdringung der Formen.
Gropius interessierte sich nicht nur für Kandinsky, Klee und
Feininger, jene berühmten Maler, die er an seine Hochschule
holte. Er wusste genau, was Pablo Picasso zehn Jahre zuvor malerisch
geleistet hatte: der rechte Fuß im linken Nasenloch, die
Wade auf dem Ohr, multiple wie fraktale Perspektive; weg mit der
seit der Renaissance Jahrhunderte alten Sorte!: Vordergrund vor
Hintergrund, Hintergrund hinter Mittelgrund. Asymmetrische Gestalten
nun, oben ohne, oben ohne unten, ganz unten nun zu oberst. Ein
Werkstättentrakt mit drei Etagen völliger Durchsichtigkeit!
- die Glasvorhangfassade; der Sockel ist beinahe nicht vorhanden,
das Dach abgebrochen. Das Gebäude schwebt. Die traditionellen
Proportionen sind umgedreht. Der Raum ist revolutioniert.
In
der Aula sitzt man auf Stahlrohrmöbel, an den Fußboden
angeschraubt wie einst in einem Flugzeug von Hugo Junkers. Wer
auf die Bühne schaut, fliegt fortschrittlich!. Wer auf der
Bühne musiziert, der fliegt mit. Der Werkstättentrakt
schwebt, das Saxofon steigt. Der Schlagzeuger spielt innen und
außen. Die Tasten wringen Altes aus. Der von den Stühlen
einst empor gerichtete Blick fragt: Wo sind all die Engel hin?
Wohin die Wolken? Kein illusionistischer Raum wird mehr aufgespannt.
Konstruktivismus!: nur die Formen werden ästhetisch ausgewiesen,
welche für die Konstruktion nötig sind: blanke Materialästhetik.
Keine Ornamente – Stuck, Brokat, Krokant -, welche die kubische
Form verzieren, nach Gropius’ Kollegen Adolf Loos zuvor kriminalisierten.
Der gänzliche Verzicht auf sämtlich gewohnte koloristische
Reiche; hier, im repräsentativen Raum, nicht einmal mehr die
erlaubten Grundfarben.
Zum
Verzicht auf die dekorativen Elemente, den Anfang und Ende einer
Linie, riet damals Arnold Schönberg hörbar. Zwölf,
alle Töne, kein Zentrum, keine Melodie hinter dem Thema, keine
lineare Folge traditioneller Harmonien. Darauf zielte seine, im
Freundeskreis des historischen Bauhauses vertretene Musik. Nun
betreten Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lovens
die originalgetreu rekonstruierte Bühne, um uns jene kubistische,
demokratische Gestaltung als Musik darzubieten: Kollektive Improvisation.
Ohne Anfang!? Ohne Ende?!
Über ein, zu Beginn der 1960er Jahre absolviertes Kompositionsstudium
bei Bernd Alois Zimmermann vermittelt, schloss Schlippenbach ans
zwölftönige Musizieren an. Sein letztes, 2005 aufgenommenes,
und auf dem Schweizer Label INTAKT ein Jahr darauf veröffentlichtes
Solo-Album trägt prägnanter Weise den Titel Twelve Tone
Tales, Zwölftongeschichten. Das Deckblatt dieses Audio-Datenträgers
weist, bauhausecht, neben Weiß und Schwarz mit Rot und Blau
die beiden dominanten Grundfarben auf, geometrisch reduziert, als
konstruktivistisch verschränkte Konstruktion geformt – ganz
wie die farbigen Akzente am, unweit vom Bauhaus gelegenen Feininger-Meisterhaus,
ganz wie die in konstruktivistischer Form reduzierten Bilder von
Feiningers Nachbarn Laszlo Moholy-Nagy. Ein CD-Cover (Jonas Schoder)
wie das, von Gropius aus gesehen, erste meisterliche Doppelhaus.
Schlippenbach also zu Recht am richtigen Ort, zwölftönig
inspiriert frei improvisierend. Die Tasten des Konzertflügels
als chromatische Totale gehandhabt, asymmetrisch, ein Ton in
alle Akkorde greifend, fluktuierend. Alle Akkorde ineinander
gefaltet.
Evan
Parker am Tenorsaxofon, dieser Blechkanne aus der Mitte des 19. Jahrhunderts,
als die Musik noch gerade
ablief, Ton um Ton
marschierte, im Nacheinander der Töne: die Melodie. Die Melodie,
die heute längst gebrochen in sich zirkuliert. Parker nahm
bekanntlich Ende der 1960er Jahre das Saxofon vom Jazz John Coltranes
nach Europa und zirkulierte. Ein Ton vervieltfältigt sich
und bricht, mehrere Töne kreisen gleichzeitig in allen hörbaren
Geschwindigkeiten auf einmal. Die melodische Gestalt ward zum Komplex
und schwingt sich, nicht mehr singbar, ins höchste Register
empor. Die Architektur, manchmal auch bloß der Heizkörper,
möge, so Gropius einst, ihre „Erdenträgheit […]
schwebend überwinden“.
Nun,
entsprechend der im Free Jazz programmatisch erspielten Freiheit
von der traditionell linear-metrisch strukturierten
Musik, schlägt
Paul Lovens die Membran der Trommel, aber ungleichmäßig,
auch die Becken. Ein Foto aus den späten 1970er, frühen
1980er Jahren zeigt, dass Lovens – neben ihm ist, am Rande
bemerkt, Günter Baby Sommer, sich kurioserweise unter einem
Konzertflügel versteckend, sichtbar dokumentiert – seine
fixe Schlagzeug-Kombination, das konventionelle Jazz-Schlagzeug
zu einem heterogenen Komplex gesteigert, transformiert hat. Folgende
Bestandteile sind installiert um heterogene Gestalten zum Hören
zu bringen: eine Kleine und eine Große Trommel, eine konventionelle
Hänge-Trommel, zwei konventionelle Hänge-Becken, von
denen aber eins extrem verbeult ist sowie ein spezielles Becken.
Statt weiterer konventioneller Hänge-Becken hat Lovens eine
Reihe von sieben Crotales, speziellen Metallscheiben installiert.
Darüber hinaus ist Lovens’ Verwendung einer speziellen,
genieteten Trommel, zweier Darabuken sowie fünf weiterer spezieller
Trommeln sichtbar. Auf der Membran der Kleinen Trommel und einer
weiteren speziellen Ablagefläche sind mehrere Holz-Stücke,
Tücher, Schwämme, ein kleiner metallischer Hammer und
eine Kuh-Glocke zu sehen. In seiner rechten Hand hält Lovens
einen Bogen. Statt zu schlagen streicht dieser Zeuger. Vor dieser
Schlag-, Streich- Undsoweiterzeug-Kombination, in der Schutzhülle
der Kleinen Trommel sind zudem zwei metallische Kuchen-Formen und
eine Art Topf zu sehen.
Dieser Tage verwendet Lovens neben einer Kleinen und Großen
Trommel, ein Paar-Becken, eine Stand-Trommel, drei Hänge-Becken
und einer speziellen Trommel hinausgehend dreizehn weitere, einzelne
Becken, eine Tempel-Glocke, Draht sowie Kunststoff. Lovens collagiert
musikinstrumental wie einst die Bauhäusler bildkünstlerisch
die Dinge auflasen und neu geordnet zusammenstellten.
Zu
dritt sind Schlippenbach, Parker und Lovens zum ersten Mal seit dem
10. Oktober 1981 - diese Aula
fungierte einst als eine
der zentralen Spielstätten der DDR, jenes „Paradieses
der Frei Improvisierten Musik“ (Fred van Hove) - auf der
historisch modernen Bühne. Hören Sie wie die asymmetrischen
Gestalten am rechten Ort konstruktivistisch und kubistisch, multipel-fraktal
Grenzen überschreiten, auflösen, um uns mit der klassischen
Besetzung dieser Freien Improvisation mit reicher „Illusionslosigkeit“ (Ute
van der Sanden) sinnlich zu beschenken.
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