HOME | MAGAZINE


EUPHORIUM Magazine.

Independent Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.

29. Leipziger Jazztage (12-15 Oktober 2005, Leipzig)

Das Zbigniew-Namyslowski-Quintett eröffnet das Festival. Der Alte sieht sympathisch aus. Kündigt einen traditionellen Standard an. Der Flügel ist kurz, glatt steht der Notenständer vor dem Gesicht des berühmten Saxophonisten. Ist das wirklich sehr konventionell! Nichts Aufregendes. Ah!, - wie der Ellbogen von Slawomir Jaskulke am Piano kreist, aber nicht die Finger – fesch! Namyslowski sitzt neben dem Langeweiledunst seines Schlagzeugers – platt! Ein lieber Opi, der gern Platten verkaufen will. Sein Sohn – jung. Aber wo soll er denn sonst lernen Posaune zu spielen, wenn nicht live. (Man muss ja nicht gleich an Nils Wogram denken.) Aber da!, was ist das?: Feinste polnische Lyrik – und dann ein ganz großartiger Groove! Aber der Schlagzeuger könnte ihn nicht halten – so viel ist ganz schnell klar - wenn man ihm einen Apfel hinwerfen würde, und er wird so doof schneller. Der alte Namyslowski bläst selbst ziemlich trocken und unbeeindruckend. (Als ihm die Frisur zu heiß wird, wünscht er sich und bekommt die Eierflaumenmütze von B?rg Borgenthal bzw. Börte Blomengrauss. Indes das Feuer bleibt aus.) Sie bemühen sich um Musik, der Zauber fehlt, statt dessen Gerüste! Ich habe noch nie so einen langweiligen Schlagzeuger gesehen. (Man muss ja nicht gleich an Christian Lillinger denken.) Aus dem Pianisten könnte noch etwas werden, hat manchmal eine wunderbare Vorstellung von Dichte und Rhythmus. Und Bassist Michal Baranski empfindet eigentlich auch fein. Nur sollten sie mal eine Gewürzlehre unterschreiben. Das zweite Set ist dann um Längen besser. Aber dass Bert Noglik und der Leipziger Jazzclub das Gerücht in die Welt setzen, dass dies Polens Altsaxophonist Nr. 1 und dies eine der besten Bands des Landes ist, muss aufgeschrieben, abgeschrieen und entrüstet werden. Eher ZDF-Fernsehgarten. Als daraufhin ein Jungle-Rhythmus auftaucht, taut sowohl der Drummer auf, als auch der Pianist, und der Basser groovt. Plötzlich: Eine tierische Band! Zu dritt! Klar: Das Namyslowski-Tusch-Duo hat die so langweilig gemacht.
Johannes Enders kann einem z. B. bei Tied + Tickled lieb sein. Nun hat er mit seinem polnischen Kollegen Adam Pieronczyk ein Bandprojekt für die Leipziger Jazztage gemacht. Mit dabei der großartige Gitarrist Frank Möbus. Das ist ein Mensch, ein Musiker, vor allem eine Rhythmusgitarre. Hört man sie, lacht das Herz. Pieronczyk keckt auch am Sopran. Das Konzept ist wunderbar durchdacht und abwechslungsreich; die Band wüst, fetzig, spritzend. Nur müsste sie häufiger zusammenspielen, z. B. eine Tour bestreiten. Sie sind noch zu verkrampft bringen unschöne Längen, in denen nichts passiert.
TubaTuba mit Michel Godard ist ein Hawaiihemd ohne Hardrock-Ohrmaut-Aksch. Und natürlich gibt es konventionellen Jazz, einen traditionellen Ansatz. Auch schwarze Jazzmusiker soll es geben. Aber so was wie das Dave-Holland-Quintet gähnt. Warum spielt denn Nate Smith das Schlagzeug so laut und plump, floskelhaft und ohne jede Reflexion? Oder Steve Nelson am Vibraphon liefert nichts als redundanten Redefluss. (Man muss ja nicht gleich an Gary Burton denken.) Klar, Chris Potter macht das mit dem Saxophon schon richtig. Im Trio mit dem Meister und Schlagzeug gibt es eine Konzentration, leben die Musiker einmal mit und nicht gegen den Raum. Aber auch da fehlt Potter im Solo auch irgendwann die Kraft, bleibt stecken. Dass das ein Publikumsliebling sein soll ist nicht recht glaubhaft, denn kein Kopf wippt. Nur der von Friedrich Kettlitz wackelt gern.
Pink Freud. Oh!, - das sind tolle junge Musiker. Eine scharfe Band, die etwas von Nils Petter-Molvaer weiß. Der Trompeter Tomek Zietek nimmt so elektronische Modifikationen vor. Tomasz Duda ist sehr angenehm an einem knackigen Baritonsax zu hören. Ihre subtil-minimalistischen Bläsersätze wecken keine unliebsamen Erinnerungen an traditionelle Humptata-Musik. Ihre Soli sind energetisch geflügelt. Und Wojciech Mazolewski, E-Bass, und der elastische Kuba Staruszkiewicz, am Schlagzeug, legen fette Grooves, ultraschwere Beats in die Oper.
Nun Duo-ECM: Der Grandseigneur des endlosen Tastengeklappers erscheint: Ketil Bjørnstad. So herrlich anachronistisch. Ist dieser Pianist wahnsinnig oder das Publikum tolerant? (Was hätte Friedrich Schenker dazu zu sagen? - Womöglich schnitt er sich den Bauch auf, so dass es quillt; liefe in drei Sekunden nach Mahrzahn und zurück, um Neubauviertel schlagartig zu verteilen.) Ihm zu Seiten und melodisch oben drüber: Terje Rypdal. Eine Emotionslade. Über Capri am Pol. Oder doch norwegische Herrenmenschen? Faszinierend: Sie brauchen sich nur hinzusetzen und schrauben ziemlich schnell etwas Weltbewegendes zusammen. Großartig aus einem Gus. Unentwegt. Terje Solo blickt echt weit. Er spielt die entlegendste Gitarre der Welt (, sie ist hellblau). Mitunter spielen sie Themen und für Sylvester Stallone, Julia Roberts oder fahren einen Sound wie Beatles-Klavier und Pur (ohne Hartmut Engler).
Die 35 Jahre alte Band Oregon aus Oregon produziert eine friedlich-filigrane Kammermusik von Welt. Einen ätherisch-zärtlichen Wohlklang. Es fällt auf, dass sie sich überhaupt nicht warm spielen müssen, allerdings werden sie auch nirgends so richtig heiß. Ralph Towner spielt phantastisch akustische Gitarre, Paul McCandless das zauberhafte Englischhorn, dabei seine Augen sonderbar glotzen. Mark Walker macht leichtfüßig seinen Schlagzeug- und Percussionjob. Aber Glen Moore ist immer wundervoll, leicht senil, liebenswürdeschwer. Danach: Wie weiche Pomenade, federnd, geschmeidig, magisch intensiv - Tomasz Stanko mit seinem überragenden Trio. Der Trompeter ist ein bares Wunder. Keiner hat ein schöneres und treffenderes Bild dafür gefunden als Festivalleiter Bert Noglik. Stanko spiele sein Leben lang eine einzige, seine Melodie. Das für einen Künstler, der immer frisch klingt.
Ein ganz eigenartiger Menschenschlag spielt auch noch nach halb Drei nachts in der naTo…
Den dritten Opernabend beginnen Chromosomos wundervoll modal-orientalisch. Sie sind ausgezeichnet aufeinander eingespielt, swingen tight. Und Tomek Kasiukiewicz’ spielt endlich eine Posaune zum Hinhören und bearbeitet sie mit Hall und Wah. Eine sehr angenehme Gruppe.
Wenn es tatsächlich ein lange gehegter Wunsch von Tomasz Stanko war, einmal seine Kompositionen mit Marc Johnson und John Abercrombie aufzuführen, dann wird er ihn bereut haben. Ab dem ersten Moment stimmt es nicht. Aber warum klingen denn Abercrombie und Johnson alles andere als vital? - Die sehen zum ersten Mal die Noten, spielen vom Blatt! Johnson mit steifen Fingern. Und Abercrombie: Wer kann nicht besser Gitarre spielen? Und wenn mir jemand sagt, der spiele immer so, dann ist Abercrombie ja eine Durchschnittskanaille(nlegende). Ganz schnell erinnert das Konzert an den Fauxpas des letzten Jahres, an das Duo Tchicai/Bauer. Freilich versuchen die New Yorker sich in die Stimmung des Polen hineinzufühlen, scheitern aber kläglich. Es kann ja nicht darum gehen, Stankos quantitativ zu fassen, dessen Tonhöhen zeitlich leicht versetzt nachzuspielen. Ein Glück, dass dieser, tänzelnd, mit solchen strukturellen Defiziten umgehen kann, diese Räume austräumt. Wer mit Meistern rechnet, verkalkuliert sich. Da will niemand nach dem Konzert hinter der Bühne sein.
Branford Marsalis. Und noch einmal: Branford Marsalis. Da kocht die Luft. Das ist nun aber wirklich ein Musiker. Jemand, der ganz großzügig der Welt Geschenke zu verteilen hat. Vielleicht ein Gläubiger. Jemand, der auch seiner Band zulässt, zu verteilen. Das sind Leute, die alles, alles geben, ausspielen, jeden Eitel ablegen und genauso existentiell fragen wie es auch nur den wenigsten radikalen Improvisatoren gelingt. Branford heizt seiner Band richtig ein, verlässt sie, um einfach nur bis über beide Ohren zu grinsen, wenn sein Pianist oder sein Schlagzeuger - das sind die unglaublichen Joey Calderazzo und Jeff „Tain“ Watts - weitermachen.. Dann kehrt er zurück und bringt alles zu Ende. Hölle! Eine Band, die ganz vorne an der Welt fährt, d.h. den sehr wahrscheinlichen Eindruck verbreitet, sie bestimme um einiges den Lauf der Erde.
Der Abspann in der naTo, dieser Kreativbude, besteht aus bitterbösem Psychojazz und Synthie-Drum’n’Bass. Slawischer Hippie-Ilness, beinahe obszön (Breslauer Basislager für penetrante Eichel).

 

[TOP] [HOME]