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EUPHORIUM
Magazine.
Independent
Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written
by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.
28.
Leipziger Jazztage (Oktober 2004, Leipzig)
Zum
Auftakt der Jazztage in Leipzig braut Jasper van’t Hof
im Kellergewölbe. Seine Gruppe Pili Pili ist multikulti,
wie eine Mischung aus Iron Maiden, Disco und den Bands von Joe
Zawinul und Pat Metheny. Leider ist der einschlägige Tastenüberflug
des Holländers selten. Die Bläsersätze klingen
eher wie eine Aushilfsweise.
Der Jazzclub Leipzig besitzt für drei Tage auch die Oper. Der Saal ist eine
weitläufige wie andächtige Stube. Warum darf Markus Kesselbauer das
Arbeitsergebnis seines Studiums an der hiesigen Musikhochschule zeigen? Damit
er besser wird! Aber muss man, wenn es am Konservatorium stinkt, auch noch den
Konzertsaal verpesten? Kesselbauer hält sein Saxofon und die damit erzeugten
Tonfolgen flach und einfallslos, der Schlagzeuger verkrampft. Der Pianist sitzt
mit dem Rücken zum Klavier, aber nicht schön. Posaunist Johannes Herrlich
spielt nicht etwa traditionellen Jazz, wie er glaubt, sondern einfältige
Pein. Einzig sein Titel „Final Inspiration“ lässt auf großzügigeres,
gleichwohl filigraneres musikalisches Denken hoffen.
Danach wird die kühne Leipziger Jazzweltbruderschaft Rolf und Achim erwartet.
Der eine darf ansagen, das Thema spielen und daneben stehen. Der andere muss
ganz locker, lässig als Old Flatterhand die Welt in pianistischer Selbstverschränkung
austragen, zersplittern.
Das James Carter Organ Trio. Ein Organismus lässt die Seele frei. Der Saft
swingt. Freundlich schütteln die drei schwarzen Amerikaner Musik aus der
Hüfte. Carter bläst die Saxofone lebendig. Gerard Gibbs schwelgt und
windet sich in seiner Hammond. An ihre Technik denkt man überhaupt nicht.
All ihre mitteleuropäischen Kollegen dieses Stils können es ja mal
versuchen, müssen es aber nicht.
Freitag. Nach den Konzerten des Oktetts von Gianluigi Trovesi und dem Manderscheid/Heberer-Duo
zertrümmert Fredy Studer mit Jimi Hendrix, der leider selbst und verständlicherweise
verhindert ist, die Schweizer Uhrwerke. Eine völlig abgedrehte Lady Erika
Stucky begeistert das Publikum. Weit nach Mitternacht kann man dann mindestens
zwei Menschen danken – John Zorn, weil er das Trio produziert, und Stert
Wildlik, weil er sie nach Leipzig geholt hat: das Trio Rashanim. Total energistisch,
Blues- und Jazzgeerdeter Rock. Musik in dem Stil und jenes Kalibers, dass man
Autos kaputtfährt, wenn man sie am Steuer hört. Monsterfett und psychodelisch
die tiefste Artikulation der Zeit. Und ein Bilderbuch, weil das Publikum in der
naTo bekanntlich mit auf der Bühne sitzen darf. Kleszmer, aber bitte schön
Mahavishnu! Was ist das für eine Stadt, New York?
Der wirklich intelligente und seine Band beherrschende Bugge Wesseltoft präsentiert
am letzten Festivaltag die von ihm maßgeblich mitentwickelte skandinavische
Welle des Jazz, fusioniert mit Soundscapes und elektronischen Grooves. Ihr ganzes
Potential scheinen sie allerdings nicht auszuschöpfen.
Klar wird auch ein Monet restauriert und ausgestellt. Im Fall John Tchicai/Konrad
Bauer arbeitete der Restaurator schlecht. Es ist eine lahme Truppe, die betreten
dreinschaut. Sie wissen nicht, was sie vertreten sollen. Das reicht nicht mehr
aus, ist folglich völlig überflüssig. Angesichts der Vielfalt
an kreativen Musikern mit jungen Konzepten, die es in Deutschland gibt, ist so
etwas nicht zu rechtfertigen. Und es ist respektlos den Alten gegenüber.
Dagegen ungeheuer präsent, von klassischer Größe und Noblesse
durchwirkt, spielt das McCoy Tyner Trio zum Finale, bevor wiederum eine extreme
Triomusik mit Thomas Lehn und Jon Rose – zusammen vorgetragen mit Johannes
Bauer, der besser als sein Bruder Konrad tanzt – den nächtlichen Ausklang
besorgt.
Die Leipziger Jazztage sind ein wirklich großes Festival mit einer universalistischen
Konzeption. Es darf aber seine Vitalität nicht verlieren und glauben, seine
Musiker bis ins Sterbebett begleiten zu müssen.
(Erschienen
in: Jazzthetik, Dezember 2004)
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