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EUPHORIUM Magazine.

Independent Reviews of Jazz, Contemporary & Improvised Music written by Oliver Schwerdt.
Radikal-kritisch, poetisch. Relativ.

27. Leipziger Jazztage (Leipzig 2003)

Voller Klanggestüm und Trieb eröffnet Soriba Kouyaté mit seiner Band die 27. Leipziger Jazztage. Seine Kora mit dem westafrikanischen Muschelperlenklang dringt aus einem uralten Kontinent bis in fiebrigen Jazzrock. Mit musikalischer Großzügigkeit und Detailliebe gelingt dem künstlerischen Leiter Bert Noglik eine großartige Ausstellung, ein Fest jazziger Musik.
Allein die blonde Sängerin im glitzernden blauen Kleid strahlt. Sie singt stehend. Skandinavische Kühle trifft in uns ein. Welche von Großem ahnende Kraft diese Klarheit birgt! Susi Hyldgaard haucht und sehnt - mitunter die minimalistisch konzipierten Songs brechend – steigt hymnisch beschwörend, dass tragische atlantische Erhebungen genauso wie die Tiefen New Yorks zu spüren sind. Mit zartem Synthesizer und tüpfelndem Flügelspiel wird es neblig. Lundsby am Kontrabass schnarrt. Weiche Narration bis schreiend! Verlockende Lyrik.
Olaf Ton bestehen darauf eine Band zu sein. „Die Haloumi-Polizei rettet das Bikini-Land“, sagen sie, sind allesamt Fünf und schnelle Latzwapper. Jugendlich strömendes Blut. Berlin. Noch fertigen sie Skizzen, Abdampf, Bläsersätze in feinem Schräglicht. Freie Passagen inspirierter Klanglichkeit, vor sichtiger Stille, manchmal schahla-haps. Endlich trauen sich Musiker wieder spielend ins Saxophon, Saitentasten schlagend, zu rüksen. Olaf Ton basteln an Zirkusschnäuzchen, erbauen in kollektiver Kraft Wege, ersteigen, um in nächster Sekunde albern herumzueimern: die Säge! am Bass: das lachende Kind allein auf der Straße, der Weg fängt an zu poltern. Kringelnde Scheiben.
Dagegen – treffen sich zwei alte Meister - sagt jeder erste Klang Welt. Saxophone, Klarinetten, Flöten nähern sich schnellster perkussiver Bewegung. Tänzelnde Beeren treiben Sause. Ein Raumerlebnis und gemeinsame Sprache. Surman und Favre sind sich auf der Spur, sie schleichen, schenken sich Abenteuer musikalischen Treppensteigens, Schimoniden über ozeanischem Leben. Klangschichten lichter ringen, Schlagzeug rapraoukelt, der Schweizer drischt unablässig Mond. Hängt Beckenspeck rauf & runter, spiegelt lindes.
Als am Freitag Gilad Atzmons Orient House Ensemble die Bühne besteigt, strotzt die Musik vor Kraft und Rennen. Atzmon bildet eine feurige Schänke jüdisch-arabischen Tanzes. Im Turbo setzt er ein bissiges Saxophon an. Scheinbar zurückhaltender folgen die vier Saxophone der amerikanischen Westküste. ROVA explodieren vor allem ins Viel: Heerscharen voller Tümmel spingeln umher! Das Duo Lytton/Strid bietet währenddessen ein Zittern, Zappeln, Boxen, Schlachten. ROVA lächelt hocherfreut.
Gut er- und angezogen geht es weiter. Ron Carter und seine gediegenen Herren empfangen ehrlichen Applaus. Treiben eine friedliche, mitunter lateinamerikanische, klassische Stunde. Dabei bleibt es. Variierte Basslinien mit Perkussionszaubereien und liebem Klavierspiel: Steven Scott ist wie immer gut vorbereitet. Der Miles-Veteran zeigt: ein ganzes Leben im Missouri und drumrum.
Szenenwechsel nach Mitternacht: Das frei improvisierte Spiel in der naTo zeigt noch mal Lytton und Strid. Dazu sind Wolfgang Fuchs und Hans Schneider aus Berlin angereist. Frohen Mutes bis griesgrämig legen sie los: Rätselsaft, Klöppel, Maschensalat. Es ist schön, alten Herren beim Spielen zu zusehen. Material klemmt, ein Reptil, verkeilter Alpenschwund. Die vier Extrahieren Vagabunden, niedlich bis konzentriert gelagert. Urwald/Tropen. Lytton: 1 Hauen & Stechen bevors platzt. Kleinteilige Leute machen Spaß.
Als sich am Sonnabend der weite Opernraum öffnet, präsentiert Noglik die Premiere von Eliot Sharps neuer Band. Chilliesk! Über die erdige Begleitung durch zwei dunkelhäutige Rastafari an Bass und Schlagzeug steigt magischer Sound von der präparierten elektrischen Gitarre über alle Bluesrocktrios hinaus. Inszeniert so ein bei Morton Feldman Studierter im 21.Jh. die ‚Band of Gypsis’? Grooves & fraktal Flackerndes, oberhigh. Leider bleibt der Schlagzeuger einige Male stecken.
Klare Harmonien im Angesicht romantischen Virtuosentums bei Christoph Lauer und Jens Thomas. Sie spielen die Töne ins rechte Licht und bestehen darauf: auf die Schönheit in uns. Sind sie aber wirklich originell, folgt gleich das Balladenbiedermännsche.
Die amerikanisch aufgezogenste Show beginnt, als ein sehr, sehr Dicker im Hawaiihemd den wohl legendärsten Jazzorganisten der Welt ankündigt: Jimmy Smith ist da. Der 75-Jährige tippelt und ist köstlichsten Humors. Zur funky bis swingenden Band fliegen seine Finger in die wärmere Hammond. Zudem schlürft Smith genüsslich Kaffee oder bezichtigt eine ältere Frau aus dem Publikum, sie am Vorabend betrunken in einer Bar gesehen zu haben. Gerade deshalb erscheint Jimmy ehrenwert und würdig.
Fazit: Jazz ist in der Gegenwart so entwickelt, dass er beständig fremde Mosaike gebiert und schillert.

(Gekürzt erschienen in Jazzthetik, März 2004)

 

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